25 Jahre Deutsche Einheit

Hans-Jürgen Salier

Festrede Themar                                       19.00 Uhr, Schützenhaus

 

25 Jahre Deutsche Einheit

25 Jahre Städtepartnerschaft

 

1778, wenige Monate vor Ausbruch der Französischen Revolution, schrieb Voltaire, der große Philosoph der französischen und europäischen Aufklärung:

„In manchen Ländern hat man angestrebt, dass es einem Bürger nicht gestattet ist, die Gegend, in der er zufällig geboren ist, zu verlassen. Der Sinn dieses Gesetzes liegt auf der Hand: Dieses Land ist so schlecht regiert und wird so schlecht regiert, dass wir jedem verbieten, es so zu verlassen, weil es sonst die ganze Bevölkerung verlassen würde.“

In den Jahren 2014/15 wird in Erinnerung des Falles von Mauer und Stacheldraht im wunderbaren Herbst 1989 bis zu den Oktobertagen 1990 zur Vereinigung unseres deutschen Vaterlandes gedacht. Das ist gut so, wenn das nicht zur Kampagnenwirtschaft oder zur Pflichtübung verkommt. Die Deutsche Einheit ist nach einer Revolution von unten entstanden, also nicht wie bei der Reichsgründung 1871 von oben mit Blut und Eisen opferreich zusammengeschmiedet. Und das Volk mit seinem demokratischen Selbstbewusstsein hat die Freiheit erreicht und einen historischen Sieg über die Diktatur erzwungen. Dessen sollte sich jeder bewusst sein, der in unserem Land Verantwortung übernimmt. Und eines war dieses Ereignis nie: eine Wende, wie es der SED-Generalsekretär formulierte. Es ist und bleibt eine Revolution.

Bedenken wir aber auch in dieser feierlichen Stunde, welche grotesken Züge die gegenwärtige Hetze gegen Deutschland, auch im eigenen Land, annimmt. Wer sich zu Deutschland im Haus Europa oder zum Patriotismus bekennt, macht sich bei manchen Zeitgenossen höchst verdächtig. Es ist ein erschreckender Aspekt deutscher Realitätsflucht, Tatsachen so zu behandeln, als seien sie mehr oder weniger qualifizierte Meinungen, die man schnell in eine Nische drängen kann.

Die Bürger sollten sich dessen in glücklichen Zeiten, aber auch in Zeiten großer Herausforderungen bewusst sein und den Ruf nach Freiheit und Demokratie nicht zur Pflichtübung werden lassen. Freiheit und Demokratie werden nicht an privat gemachten menschlichen Unzulänglichkeiten gemessen. Täglich müssen wir die Freiheit verteidigen und für sie einstehen, denn das gesellschaftliche Leben läuft nicht im Selbstlauf, auch wenn sich in friedlichen und guten Zeiten viele Menschen weder um Freiheit noch Demokratie scheren. Sie sind der Meinung, sie handeln im Sinne der Freiheit, wenn sie beispielsweise Wahlen verweigern. Es sind nicht immer die bildungsfernen Kreise, die sich entziehen und Diktaturen indirekt beschleunigen, sondern eher intellektuelle Mitbürger.

Treffend hat es der ehemalige Bundeskanzler und Friedensnobelpreisträger Willy Brandt in der Retrospektive zum 20. Jahrhundert gesagt:

Wo die Freiheit nicht beizeiten verteidigt wird, ist sie nur um den Preis schrecklich großer Opfer zurückzugewinnen. Hierin liegt die Lehre des Jahrhunderts.

Sehr genau erinnere ich mich an die Nachrichten der „Tagesschau“ vom 12. Juni 1987. Begeistert war ich, als der immer wieder geschmähte US-Präsident Ronald Reagan am von der DDR gesperrten Brandenburger Tor in Berlin aus Richtung Berlin-West einen der wichtigsten und wirksamsten Sätze des 20. Jahrhunderts formulierte: Mr. Gorbachev, open this gate! Mr. Gorbachev, tear down this wall! (Herr Gorbatschow öffnen Sie dieses Tor! Herr Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer ein!).

Wer nahm diese beiden kurzen Sätze in Ost oder West schon Ernst? Sie waren höchstens für eine Scheibenwischerbewegung ein Argument, nicht aber für die Gegner der deutschen Teilung, aber auch nicht für die Ideologen des ersten Arbeiter-und-Bauern-Staates auf deutschem Boden, weil da ein ernstzunehmender Mensch am menschenfeindlichen und politikgewollten Status quo rüttelte. Reagan war wieder einmal der „Kalte Krieger“. Der Kommunikationstechnik sei Dank, dass man das heute lupenrein in den Pressearchiven nachlesen kann.

Der feinsinnige Dichter, Übersetzer und ausgebürgerte DDR-Dissident, Reiner Kunze, für mich der bedeutendste lebende deutsche Schriftsteller, Jahrgang 1933, schrieb 1998 sein Gedicht

 

Die Mauer

Als wir sie schleiften, ahnten wir nicht,
wie hoch sie ist
in uns

Wir hatten uns gewöhnt
an ihren horizont

Und an die windstille

 In ihrem schatten warfen
alle keinen schatten

 Nun stehen wir entblößt
jeder entschuldigung

Der Dichter erinnert, dass sich die meisten Deutschen an die deutsche Teilung, aber auch an die Teilung der Welt gewöhnt hatten und die Situation als gegeben und unüberwindbar sahen und letztlich ihre eigene Unfähigkeit mit dem Status quo und dem vielbemühten Wort „Eiserner Vorhang“ rechtfertigten. Die Abschottung hatte sich beinahe vergegenständlicht, und so funktioniert es teilweise heute noch, weil man vermutlich nicht wahrhaben will, dass man einst den falschen Herren diente. Die einen hatten die Faust in der Tasche, fügten sich letztlich in die Teilung, für andere in der Sicherheit eines demokratischen Staates war die Einheit schon lange nicht mehr das politische Ziel Nummer eins, auch wenn es im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland eindeutig verankert ist. Man hatte sich der Zeit angepasst.

Nach einem Vierteljahrhundert ist die Einheit Alltag geworden, und die Nachgeborenen wissen nur noch aus zweiter Hand davon, dass Deutschland je geteilt war. An die gewonnenen Freiheiten hat man sich schnell gewöhnt, wie an ein schönes Bild, das man erst begeistert kauft, und nach einer Weile beachtet man es kaum noch, weil es wie selbstverständlich im Zimmer hängt. Einige Menschen verharren in misslauniger Nostalgie und träumen von der muffigen sozialistischen Nestwärme, die das eigentliche Übel ihres Lebens war. Ein Vierteljahrhundert nach den Ereignissen der Kerzenlichtrevolution in den Herbsttagen des Jahres 1989 scheint das alles wieder vergessen zu sein, vor allem die Diktatur wird größer geredet oder verdrängt.

Vergessen ist aber auch, wer 1989/90 die politische Apathie der DDR seinerzeit beenden will, wer sich mutig mit der Erklärung Aufbruch 89 und den friedlichen Worten „Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit“ dem System entgegenstellt: das „Neue Forum“, das in der Folgezeit nach allen Richtungen verklärt und auch teils missachtet wird, vor allem, weil sich andere das Heldentum von Freiheit und Demokratie zur Selbstbeweihräucherung über den eigenen Kopf stülpen.

Wer kennt eigentlich noch die Namen der vielen anderen Bürgerinitiativen, wer weiß noch, was wirklich passiert ist in diesem halben Jahr zwischen September ‘89 und März ’90, der ersten freien und demokratischen Wahl im Osten Deutschlands seit knapp sechs Jahrzehnten, und dem Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 1990, der vielleicht heute nur noch als Feiertag wahrgenommen wird?

In der DDR kommt es 1989 zu einer siegreichen Revolution – und noch dazu zu einer friedlichen, die überdies viele nationale und internationale Kausalitäten und Beeinflussungen kennt. Die Historiker wissen, dass der Mechanismus nicht einfach so fassbar ist. Vielen Menschen ist im Bewusstsein geblieben, dass vor 26 Jahren viele Aktivitäten aus den Gotteshäusern kamen, ich meine nicht allein die Kirche als Institution. Vorwiegend protestantische und katholische Gläubige, andersgläubige oder konfessionslose Bürger trafen sich. In den kirchlichen Einrichtungen fand man Schutz. Es wurde diskutiert und artikuliert, beherztere Forderungen zur Demokratisierung wurden immer lauter, der Schrei nach Freiheit bahnte sich Weg. Nein, allgemeines Palaver und das allgemeine DDR-Gemeckere war das nicht.

Die Einheit Deutschlands ohne Krieg und Sieg! – Unvorstellbar! Auf alles waren die DDR-Machthaber vorbereitet, auch in Themar, im Kreis Hildburghausen, im Bezirk Suhl, in der DDR: auf militärische Gewalt und Internierungslager, nur nicht auf Kerzen und Gebete! Wer Kerzen in der Hand hält, wirft keine Steine. Gerne bezeichne ich unsere wunderbare gewaltlose Revolution der Herbsttage 1989 auch als Kerzenlichtrevolution.

Erinnern wir uns:

Am 7. Oktober 1989 feierte die Staatsmacht mit großem Pomp den 40. Geburtstag der DDR. Sie kennen auch die Schwejkiade mit dem Ochs und dem Esel und Honecker. Feststimmung will bei vielen Menschen nicht aufkommen, denn das einst von Marx und Engels in der Programmschrift Kommunistisches Manifest propagierte Gespenst des Kommunismus ist längst bittere Realität geworden. Während es in den meisten Ländern Osteuropas schon in den letzten Zügen liegt, tanzt man hinter Stacheldraht und Minenfeldern auf dem Totenbett. Und die ersten Demonstranten bringen abseits der Jubelfeiern ebenfalls ihr Geburtstagsständchen: „Happy birthday, Polizeistaat!“

Die Menschen werden kurz vor dem selbstverschuldeten Kollaps der DDR mutig. Sie besinnen sich eines oft erprobten Rezepts, wie man die Herrschenden zur Räson bringt: des Protests der Straße. In der „Heldenstadt“ Leipzig, in Dresden, in Plauen, Ilmenau und anderswo wird das längst erfolgreich praktiziert. Hinter den Bergen, in der „Autonomen Gebirgsrepublik Suhl“, im grenznahen Raum, der Provinz ohne größere städtische Zentren, ohne bedeutsame internationale Kontakte, dauert der Lernprozess länger. Vielleicht auch, weil hier die Unterdrückungsmechanismen perfekter funktionieren, in diesem ländlich strukturierten Raum mit den vielen kleinen und großen Abhängigkeiten, wo „subversive Elemente“ kaum eine Chance hatten. Man hat hier in der Vergangenheit leidvolle Erfahrungen mit der Unterdrückung oppositioneller Kräfte, Zwangsaussiedlungen und Verbrechen an der Demarkationslinie gemacht. Und wie stets, egal unter welcher Herrschaft, wurde das Prinzip der Anpassung schnell und erfolgreich angewandt.

Die Revolution der Kerzen und Transparente mit Aufschriften wie „Keine Gewalt“ beginnt.

Auch innerhalb der SED mehren sich ernsthaft kritische Stimmen, die sich neu orientieren wollen, die tatkräftig mithelfen, das stalinistische System zu überwinden. Sie sind sicherlich nicht die Wendehälse, die die Situation rasch erkennen und sich auf die Seite der vermeintlich neuen Sieger flüchten. Manche erkennen die Chancen der Zeit und stellen sich der Kritik. Viele delegieren jedoch ihre Verantwortung nach oben, und die Oberen sagen, die Unteren hätten sie belogen oder desinformiert. Nach der Zerschlagung des Dritten Reiches war es ähnlich, man redete und wendete sich bis zum Persilschein durch.

Nicht nur für mich ist der 9. Oktober in Leipzig der eigentlich entscheidende Tag, das Kerndatum, und nicht der 9. November 1989. Meine Erlebnisse vom   10. Oktober in Leipzig haben sich fest eingeprägt. Der  9. November ist aus meiner Sicht überbewertet.      Zwar zeitigte er mit dem Fall von Mauer und Stacheldraht ein wunderbares Ergebnis. In den November- und Dezembertagen gaben sich zu viele Menschen mit dem Erreichten zufrieden. Nicht nur für mich ist der 9. November 1989 die letzte Willkürentscheidung der SED gewesen. Auch wenn wir alle sehr glücklich gewesen sind, danken wir ihr nicht dafür, denn sie wollte nur ihre eigene Haut und ihre Pfründe im Schutze der nahenden Demokratie retten. Die einstigen Machthaber müssten uns danken, weil wir sie vorübergehend aus ihren irrationalen Zwängen befreit haben. Die Entscheidung nahm – wir spürten das im ganzen Land bei Demonstrationen, Kundgebungen, Friedensgebeten und Fürbitt-Gottesdiensten – der Revolution mit den freien Reise- und Konsummöglichkeiten viel Kraft. Der 9. November war eine Ventilentscheidung und nicht die große Befreiungsaktion.

Der Slogan der Massen in den Herbsttagen 1989 wechselte von Wir sind das Volk! zu Wir sind ein Volk! Es ging nicht mehr um die Erneuerung der DDR zu einem demokratischen und rechtsstaatlich geformten Staat, den es unter sozialistischen Bedingungen, das bestätigt uns die Geschichte, nie gegeben hätte, sondern um den Anschluss an den Teil Deutschlands, in dem Demokratie und Rechtsstaatlichkeit bereits eine vierzigjährige Bewährungsprobe bestanden hatten. Das Vertrauen zum SED-Staat war dem Volk abhanden gekommen.

Mit der Einheit Deutschlands kam es zu einem grundsätzlichen Widerspruch, und das ist nicht verwunderlich. Mit der Ablösung der kommunistischen Heilslehre käme wie in einem Supermarkt jede gewünschte Ware, demnach also westliches, freiheitliches und menschenwürdiges Handeln beinahe zum Nulltarif. Und da hatte mancher Mitbürger echte Probleme, dass es keine ideologische Heilslehre mehr gab, dass zwar eine mitunter reichlich abstrakte Werteordnung vorhanden war, aber der tägliche Wettbewerb und das Ringen um sehr unterschiedliche Meinungen und Ansichten vom Gemeinwohl beinahe nicht durchschaubar waren. Das „Erlernen“ und „Praktizieren“ der Demokratie kann also nie auf Anweisung geschehen.

Die aus der DDR ausgewiesene und verfemte Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley sagte es 1991 so: „Die DDR-geprägten Deutschen haben den Rechtsstaat bekommen, um darin die Gerechtigkeit selber zu verwirklichen. Sie waren in die Mündigkeit entlassen, wo es nicht immer anheimelnd und gemütlich ist, eine Erkenntnis, die den Deutschen im Westen seinerzeit auch nicht leicht gefallen ist. Sie hatten allerdings 1989 bereits eine vierzigjährigen Praxis darin hinter sich.“

Nun wurde nicht mehr verdrängt, was es bedeutet hat, das Vorenthalten aller Menschenrechte, des Rechts zu reisen, des Rechts, seinen Beruf frei zu wählen und auszuüben, des Rechts, sich Wohlstand durch freien Handel zu erwerben, des Rechts, seine Kinder auf höhere Schulen und auf Universitäten auch dann zu schicken, wenn man nicht der Klasse der Arbeiter und Bauern angehört, das Recht, sich frei zu versammeln und in Vereinen zusammen zu schließen, das Recht auf ein faires Gerichtsverfahren und schließlich der Rechte auf Freiheit der Person und auf körperliche Unverletzlichkeit.

Und unendlich viele Jahre wurde nimmermüde diskutiert, dass der Prozess der Annäherung der beiden Staaten zu schnell ging, dass der DDR alles übergestülpt wurde. Nun gut, dass mancher drittklassige politische und wirtschaftliche Abenteurer in der inzwischen Ex-DDR sein Glück machen wollte, steht außer Frage. Bei exakter Analyse bliebe da nicht viel, auch wenn mancher Bürger mit Arbeitslosigkeit einen schweren Gang ging. Es war nicht mehr viel da. Aus meiner Sicht herrschte sogar Zeitnot. Wirtschaft, Verwaltung und Rechtsprechung verlangten für einen stabilen Staat gesicherte Rechtsgrundlagen, besonders aber im sozialen Bereich. Millionen DDR-Rentner mussten in das Rentensystem der Bundesrepublik Deutschland eingegliedert werden, in das sie bis dato niemals eingezahlt hatten. Hunderte Gründe gäbe es zu nennen und zu analysieren.

Fürwahr eine gute Entwicklung, die sich täglich überall tausendfach widerspiegelt. Sie gilt es weiter zu gestalten und zu schützen. Auch wenn nicht alles gelang und manches nicht oder noch nicht vollendet ist. Es lohnt sich, sich für die Menschen einzusetzen. Es sei aber Vorsicht geboten, wenn Ideologen im Internet, in Presse, Hörfunk und im Fernsehen mit phrasenhafter Kritik die Demokratie unterwandern und beklatscht oder bejubelt werden, gerade in einer Zeit, in der unser Land höchsten Anstrengungen und massiven Kritiken ausgesetzt ist.

Nicht das System hat Fehler gemacht, sondern das System selbst ist der Fehler. Das ist eine Revolution gewesen und keine Wende, sie ist Teil der europäischen Freiheitsrevolution, wie es Hans-Dietrich Genscher in einem Vorwort eines von meinem Sohn Bastian und mir vor anderthalb Jahrzehnten geschriebenen Buches formulierte.

In den nicht immer ehrenwerten Absichten, die DDR größer zu reden, wie sie tatsächlich war, wie das gegenwärtig praktiziert wird, sollte man energisch dagegen halten, was in der reichlich vierzigjährigen Diktatur geschah. Mehr als drei Millionen Menschen, die ihre Heimat Richtung Westen verließen, waren nicht nur Abenteurer oder haltlose Menschen. Eine ganze Generation in beinahe allen Bereichen wurde weitestgehend abgetragen oder hatte keinen Einfluss auf die Entwicklung, es kam zu intellektuellen und moralischen Verwerfungen, die im Osten Deutschlands belastend die Entwicklung im geeinten Deutschland behinderten. Und die selbst gewebten Mythen wabern durch die Gesellschaft, und die folgenden Generationen werden infiziert. Manchmal hat man bei all der DDR-Glorifizierung das Gefühl, die Bundesrepublik Deutschland wäre zusammengebrochen und der Deutschen Demokratischen Republik beigetreten. Sicherlich sind in den vergangenen 25 Jahren unendlich viele Fehler gemacht worden. So will ich nicht über die kontraproduktive Bürokratie reden bis hin zu den gravierenden Fehlern in der gegenwärtigen Flüchtlings- und Integrationspolitik. Wir leben inzwischen in blühenden Landschaften, Deutschland ist   d a s   Lieblingsland der Welt geworden, nicht nur für Asylsuchende. Mit all unseren Sorgen und Nöten.

Es sei mir gestattet, nach der deutschen Teilung, der DDR ein Lob auszusprechen:

Zu den wenigen Vorzügen der Diktatur gehört es, dass sie den Freiheitssinn lebendig hält.

Wer sich an 1989 und an die Folgejahre zurückerinnert, der brauchte Stunden, all seine Gedanken und Eindrücke zu artikulieren. Weder Pflicht noch Übung sind es, auf die fünfundzwanzigjährige Freundschaft und Partnerschaft der beiden fränkischen Städte Themar und Gerbrunn nicht nur zu gedenken, sondern sie beinahe zu rühmen, die unauslöschlich zu den Stadtgeschichten beider Kommunen gehören. Wir wissen, es geht manchmal sehr schnell, eine Idee in die Welt zu setzen. Sie zu gestalten, vor allem sie mit Leben zu erfüllen und die Menschen mitzunehmen, das ist weitaus schwieriger. In dieser festlichen Stunde seien dem „Initiativkreis für Europäische Städtepartnerschaften (IGEP) e.V.“ aus Gerbrunn mit dem Vorsitzenden Norbert Mauermann und dem Verein „Themar trifft Europa“ mit Sabine Müller als Führungspersönlichkeit überaus herzlich gedankt.

Im heutigen gemeinsamen miteinander Reden zur Festveranstaltung werden sicherlich die Ereignisse um den September und Oktober 1990 immer wieder angesprochen. Halten wir fest: Die „Urkunde über die Partnerschaft der Kommunen Gerbrunn und Themar“ vom 28. September 1990 war schneller als der „Tag der Deutschen Einheit“, unterzeichnet wurde sie von den Bürgermeistern Hans Lorke und Klaus Rönick, sekundiert wurden sie von ihren Stellvertretern Elmar Fries und Hubert Böse. Vom Juli bis Ende September 1990 gibt es eine inhaltsreiche Dokumentation zur Entstehung der Städtepartnerschaft, die mit den Aktionen und den beteiligten Persönlichkeiten immer Teil der Geschichte der beiden Kommunen bleiben sollte, die mehr als Amtshilfe für die Kleinstadt im Werratal war, sondern weil sie von den Parteien, Vereinen und von den Menschen mit allen Höhen und Tiefen gestaltet wurde. Die Städtepartnerschaft lebt, und sie soll sehr lebendig bleiben. Viele Ideengeber und Förderer der frühen Zeit gäbe es zu nennen, beispielsweise die Gemeinderäte Ulrich Feige und auch Dr. Klaus Hemprich oder auch die Bürgermeisterin Heidi Kettner. Aber all das ist wieder ein abendfüllendes Programm.

Meine Worte gelten vor allem der Jugend des gemeinsamen friedlichen Hauses Europa, dabei denke ich an den Schüleraustausch zwischen Gerbrunn, Černošice und Themar mit den vielfältigen Projekten. Weltanschauung hat nichts mit Ideologie zu tun, wohl eher, sich die Welt anzuschauen. Gemeinsame europäische Bildungsmaßnahmen sind nicht abstrakt, sondern in gemeinsamen Aktionen und Übungen werden Wertemaßstäbe sichtbar, die für unser Zusammenleben bedeutend sind: Natur- und Artenschutz, Kennenlernen von Sitten und Gebräuchen, Informationen zu kommunalen Schwerpunktthemen, historische Entwicklung der jeweiligen Kommune, wirtschaftliche Schwerpunkte, Vereinsleben u. v. a. m. Die Jugend der Partnerstädte ist inzwischen Teil der Partnerschaft geworden.

Bürgerfahrten zum Kennenlernen der Nachbarn ins Elsass nach Molsheim und Straßburg, in die Normandie in die Calvadosregion, Polen mit den Zielorten Leschnitz, Oppeln und Krakau, nach Tschechien mit Černošice und Prag. Diese wurden vom Partnerschaftsverein „Themar trifft Europa“ organisiert.

Herbstwanderwochenenden der Gerbrunner Freien Wähler vornehmlich in Themar und Umgebung.

Sprachkurse zum Erlernen der französischen Sprache in Themar und Molsheim. Die Partnerschaft Gerbrunn – Themar hat zwischenzeitlich eine europäische Dimension bekommen, so beispielsweise der jährliche Partnerschaftstermin am ersten Oktoberwochenende.

Jetzt soll ein Partnerschaftsvertrag zwischen Černošice und Themar geschlossen werden. Wenn in 25 Jahren die Silberhochzeit in einem friedlichen Europa gefeiert wird, sicherlich mit einem Teil anderer Akteure, begehen Gerbrunn und Themar die Goldene. Zwei verheißungsvolle Programmvorgaben, tolle Programme und zukunftsträchtige Events.

Mein Kopf ist noch voller Gedanken zum heutigen Ereignis. Danke, dass Sie so aufmerksame Zuhörer waren!

  • Brigitte Stürmer  schreibt:

    Starke Worte Herr Salier, zu jedem Absatz den ich las sagte ich JA. Als in Thüringen/Simmershausen im Februar 1945 geborene, bedeutet die Wiedervereinigung ein großes Glück. Für meine Eltern, die 1945 in den Westen aufbrachen eine große Freude, die Gelegenheit zu bekommen, all ihre Freunde und Verwandten in Thüringen zu treffen.
    Wir sind das Volk- Wir sind ein Volk-Wir meistern die neuen Aufgaben gemeinsam. Klare Worte in dieser Zeit mit großen Herausforderungen.
    1945 im Westen angekommen gab es nicht gleich einen Willkommensapplaus. Die Erfahrungen aus dieser Zeit haben Spuren hinterlassen. Willkommen in Deutschland, Willkommen in Europa das berührt mich. Ich freue mich über die vielfältigen Aktionen über die ich las und über den Partenerschaftsverein „Themar trifft Europa“. Viel Glück und Kraft auch Rückschläge erdulden, nie aufgeben das sage ich den jungen Leuten, die die Zukunft heute gestalten. Und ich möchte unseren Bremer Spruch, der mir ein Wahlspruch wurde an Euch weitergeben:

    „buten un binnen
    wagen un winnen“

    Brigitte Stürmer

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