Als 1988 die Dänische Botschaft besetzt wurde

Zum Tode Wolfgang Mayers am 2. Oktober 2017

Dr. Wolfgang Mayer, Diplom-Lehrer und Politikwissenschaftler, der am 9. September 1988 mit 17 ausreisewilligen DDR-Bürgern aus Ilmenau in Thüringen die Dänische Botschaft in Ostberlin besetzt hat, ist am 2. Oktober in Speyer/Rheinland-Pfalz seinem langjährigen Krebsleiden erlegen.

Geboren am 20. Januar 1950 im Vogtland als Sohn aus dem Sudetenland geflüchteter Eltern, erwarb er 1968 an der Erweiterten Oberschule „Fritz Heckert“ in Zeulenroda das Abiturzeugnis und zugleich den Facharbeiterbrief als Maschinenbauer. Danach arbeitete er als Postangestellter und verrichtete seinen „Ehrendienst“ bei der „Nationalen Volksarmee“ im Nachrichtensektor.

Von 1970 bis 1975 studierte er Pädagogik an der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg, das er mit dem akademischen Grad eines „Diplom-Lehrers“ abschließen konnte. Anschließend war er bis 1986 in Ilmenau und in der Kreisstadt Hildburghausen/Thüringen als Lehrer in den Fächern Mathematik und Polytechnik eingesetzt. Ein Antrag, in Afrika als Entwicklungshelfer arbeiten zu können, wurde vom Ministerium für „Staatssicherheit“ abgelehnt.

Am 10. März 1987 stellte Wolfgang Mayer für sich, seine Frau und die beiden Kinder einen Ausreiseantrag mit der Bitte, in die Bundesrepublik Deutschland übersiedeln zu dürfen, was mit der fristlosen Entlassung aus dem Schuldienst, also mit Berufsverbot, beantwortet wurde, sein Personalausweis wurde eingezogen und durch ein Ersatzdokument ersetzt. Von 1987 an bildeten Wolfgang Mayer und eine Reihe Ausreisewilliger in Südthüringen eine oppositionelle Gruppe, die am 9. September 1988 die Dänische Botschaft in Ostberlin besetzte, weil vier Tage später Dänemarks Ministerpräsident Poul Schlüter zu einem Staatsbesuch erwartet wurde. Botschafter Erich Krog-Meyer verständigte daraufhin die DDR-Regierung, die in der Nacht um 2.30 Uhr zwei Dutzend MfS-Leute in das Botschaftsgelände, das exterritoriales Gebiet war, eindringen und die DDR-Leute verhaften ließ. Die 13 Erwachsenen wurden zwölf Stunden lang verhört, die fünf Kinder in ein Heim der „Staatssicherheit“ verbracht. Später wurden die Flüchtlinge zu mehrjährigen Gefängnisstrafen „auf Bewährung“ verurteilt und durften am 22. März 1989 ausreisen.

Wolfgang Mayer nahm seinen Wohnsitz in Cochem an der Mosel und verarbeitete seine Erfahrungen mit der Ausreise in den beiden Büchern „Dänen von Sinnen“ (1990) und „Die mit dem Storch zogen“ (1992) und zog nach Bonn, wo er 1995/98 bei Prof. Dr. Hans-Helmuth Knütter Politikwissenschaft studierte und mit einer Arbeit „Flucht und Ausreise“ (Buchausgabe 2002) in der Beurteilung „magna cum laude“ promoviert wurde. Inzwischen war er auch, nach fünfmonatigem Sitzstreik vor dem Erfurter Kultusministerium, wieder in den Thüringer Schuldienst eingestellt worden.

Wolfgang Mayer war einer von uns, der als Referent durchs Land reiste und die unwissenden Westdeutschen in Vorträgen und Podiumsdiskussionen über DDR-Zustände aufklärte. Deshalb gründete er auch 2007 im INTERNET das Diskussionsforum „Flucht und Ausreise“ mit Hunderten von Beiträgen, das jetzt von seiner Frau Marika weitergeführt wird.

Dr. Jörg Bernhard Bilke Coburg, 5. Oktober 2017

 

Lieber Dr. Jörg Bernhard Bilke,

der Tod von Dr. Wolfgang Mayer berührt mich sehr, nicht nur, weil ich ihn aus seiner Lehrertätigkeit im Kreis Hildburghausen gekannt habe, sondern weil er ein Patriot war und er mit seinem Wirken am Zusammenbruch des menschenfeindlichen Arbeiter-und-Bauern-Staates einen Anteil hatte. Ihnen sei gedankt für Ihre Annotation in diesen traurigen Tagen.

Ihren Text veröffentlichen wir auf unseren beiden Homepages

www.dunkelgraefinhbn.de

und

www.schildburghausen.de

 

Herzlichst

Ihr Hans-Jürgen Salier