Das wirkliche Grab der Dunkelgräfin

Folge 6

Am Grab der Dunkelgräfin mit Blick nach Eishausen

 

Wie zu Beginn der ersten Folge angedeutet, braucht so manches mysteriöse Geheimnis auch eine mysteriöse Aufklärung. Mancher Leser wird jetzt mit dem Kopf schütteln, weil das Ergebnis nicht „wissenschaftlich“ begründet ist. Es ist eine rein logische Schlussfolgerung aus bisher unzählig vielen Fakten, Belegen und Indizien, die im Laufe von mehr als einhundertsiebzig Jahren zusammengetragen wurden. Unser gedankliches Modell, dass es sich bei der Dunkelgräfin um Madame Royale handelt, bleibt zweifelsohne bestehen und muss am Ende nur den neuen Kenntnissen und Erkenntnissen angepasst werden. Für eine endgültige Bestätigung habe ich mich einer Methode bedient, die im heutigen Informationszeitalter selbst für Kriminalisten und Juristen durchaus üblich ist und kein mittelalterliches Flair besitzt. Sie hängen es nur meist nicht an die „große Glocke“.
Versetzen wir uns in das Todesjahr der Madame Royale nach Eishausen und in die Gedanken- und Handlungswelt des Leonardus Cornelius van der Valck alias Vavel de Versay:

Eishausen, (Zeitraum) 16. – 22. Oktober 1837
Steinigen Hindernissen ausweichend, rollt der Graf mit äußerster Vorsicht eine zweirädrige Holzkarre durch den unterirdischen Gang des Schlosses. Er will möglichst jede auch nur geringe Erschütterung vermeiden. Der Gang, etwa einen Meter zwanzig breit und mannshoch, führt vom Schloss vielleicht fünfhundert Meter Richtung Stressenhausen. Seine Fracht, nicht mal ein Zentner schwer, lastet umso schwerer auf seinem Herzen. Erst vor ein paar Tagen ist die zu Beschützende beim Spaziergang vor Schwäche im Garten zusammengebrochen und hat sich nicht mehr erholt. Seine Begleiterin schläft inzwischen den ewigen Schlaf. Im Tod hat sie ihren inneren Seelenfrieden gefunden, sanft und würdig ist sie eingeschlafen. Es ist der letzte Weg, den er gemeinsam mit ihr geht, ein Weg des Abschieds für immer. Fast vierzig Jahre hat er sie begleitet und beschützt. Egal, wie mühevoll manche Tage auch gewesen sind, nicht einen einzigen möchte er missen.
Nur eine Fackel leuchtet, mehr nicht, ausreichend, um die den Weg begrenzenden Umrisse zu erahnen. Inzwischen kennt sich der Schlossherr in dem finsteren Gewölbe aus. Mehrmals hatte er in den vergangenen Tagen den Gang durchschritten, um die letzte Ruhestätte für seine langjährige Gefährtin vorzubereiten. Still ist es, ganz still. Das Rumpeln der Räder und das Rauschen der in der Nähe fließenden kleinen Rodach kann man hören. Am Ende des Wegs auf einem kleinen Hügel fand er schon vor einiger Zeit den geeigneten Ort für ihre letzte Ruhestätte. Seit ihrem Tod verbrachte er hier täglich viele Stunden, das Erdloch mit einer Schippe auszuheben. Sogar ein schreinartiges Gehäuse konnte er vor einigen Monaten sicherstellen. Es ist nicht besonders schön, aber zweckmäßig, um ihren zarten Körper vor der kalten, feuchten Erde zu schützen. Zu groß wäre die Gefahr gewesen, einen Sarg in Auftrag zu geben, das hätte sich bei der Neugier der Dorf- und auch der Stadtbewohner herumgesprochen. Nichts darf nur den geringsten Verdacht erregen. Behutsam gibt er ihr einen letzten innigen Kuss auf die Stirn, bevor er ihren Kopf so sanft wie möglich auf ein Kissen in den Schrein bettet. Tränen des Abschieds stehen ihm in den Augen, nochmals ein zärtliches Streicheln über die Wange, das ist, was er ihr geben kann. Vorsichtig schließt er den Deckel und beginnt bedächtig langsam, dann immer schneller werdend, das Grab mit Erde zu überhäufen, und er betet kniend ein Vaterunser.
So in etwa könnte sich die eigentliche Beerdigung der Dunkelgräfin zugetragen haben, die der fast siebzigjährige Graf allein bewältigt. Und wer genau gelesen hat, dem ist sicher aufgefallen, dass das ursprünglich angenommene Todesdatum nicht mit dem übereinstimmt, was bisher alle geglaubt haben. Aber das ist sein Plan, ein genialer Plan, worauf Leonardus Cornelius van der Valck, ein Meister der Täuschung, schon lange vor dem Ereignis hingearbeitet hat.
Die Dunkelgräfin stirbt eben nicht am 25. November 1837 gegen 22.00 Uhr, wie überall beschrieben, sondern schon fünf Wochen vorher. Am Schulersberg lässt er eine andere Frau in seinem von ihm geplanten und in Auftrag gegebenen Grabmal bestatten.
Nun ergeben auch die merkwürdigen Handlungen des Grafen nach ihrem Tod einen Sinn: Gleich am nächsten Morgen, in aller Frühe des 26. November 1837, bricht der Dunkelgraf mit der Kutsche nach Meiningen auf, um sich vom Herzoglichen Konsistorium die Genehmigung zu holen, seine Lebensgefährtin an ihrem angeblichen „Lieblingsort“, dem Berggarten am Stadtberg, zu begraben. Der eigentliche Grund ist jedoch, eine weibliche Leiche zu beerdigen, von der man ihn erst am Abend zuvor benachrichtigt hat und die van der Valck den Behörden anstelle seiner Lebensgefährtin präsentieren wird. Sie muss nur annähernd die Größe haben und dem Alter entsprechen.
Nach seiner Rückkehr aus Meiningen wird die Verstorbene von den Dienern in das Erdgeschoss des Eishäuser Schlosses zur allgemeinen Leichenschau getragen. Erst danach kann der Leichnam vom Chirurgen J. Bachmann untersucht werden, der eine natürliche Todesursache feststellt und ihr Alter auf etwa sechzig Jahre schätzt.
Am 27. November bereitet der Totengräber Knoll im Auftrag von Bürgermeister König die Grube für das Grab am Schulersberg. Der Sarg wird am selben Tag von Carl Kambach aus Hildburghausen nach Eishausen ins Schloss geliefert. Schon bei der Umbettung der Leiche in den Sarg lässt sich der Graf nicht mehr sehen.
Schließlich zieht am 28. November 1837 frühmorgens um vier Uhr ein Trauerzug vom Schloss über Steinfeld und Sophienthal zum Stadtberg nach Hildburghausen, begleitet von sechs Fackelträgern. Dem Leichenwagen folgt eine Kutsche, in der die Diener Johann und Simon Schmidt sowie eine Totenfrau sitzen. Gegen sechs Uhr wird der Sarg von den Fackelträgern in den Berggarten gebracht und dort zunächst unter den Arkaden des Gartenhauses abgestellt. Zur Überraschung aller Anwesenden öffnet Diener Simon Schmidt auf eine vorher vom Grafen gegebene Anweisung nach einem angeblich bourbonischen Brauch den Sargdeckel. Die Tote ist ganz in Weiß gekleidet. Die Anwesenden sind im Fackellicht von ihrer Schönheit ergriffen. Außer den Dienern, der Totenfrau und sechs Fackelträgern sind noch der alte Bedienstete Schmidt und der Schneider Marr anwesend. Schließlich trägt man den Sarg zum vorbereiteten Grab und versenkt ihn nach einem kurzen Vaterunser in die Grube.
Nur einen Tag später, am 29. November, erscheint eine Gerichtsdeputation aus Hildburghausen im Schloss zu Eishausen. Die befragte Dienerschaft erklärt, dass die Dame an allgemeiner Schwäche verstorben sei. Die Sonderkommission vor Ort besteht hartnäckig auf Preisgabe der Identität der Verstorbenen, die der Graf über Vermittlung seiner Dienerschaft konsequent verweigert, denn er liegt krank darnieder. Der Nachlass der Verstorbenen wird versiegelt. Darüber schreibt der Graf später in einem Brief an Witwe Kühner: „Ich habe immer, wie mit religiöser Scheu, ihre vielen Kommoden betrachtet, nie sie berührt; ich wusste nicht, wie viel schöne, ihr aufgedrungene Sachen sie enthielten.“ Wie pietätlos mag also dem Grafen eine solche Maßnahme vorgekommen sein. Er zollt zeit seines Lebens der Dame Ehre und Respekt, und die Behörden wagen es, sich an ihren persönlichen Sachen zu vergreifen! Schließlich trägt er sich mit dem Gedanken, das Land zu verlassen. Erst eine Beschwerde seines Kommissionärs Heinrich Andreä an das Oberlandesgerichtskollegium stimmt ihn um, in der wiederum bestätigt wird, dass dem Grafen eine Sonderstellung zukommt und er nach wie vor unter hohen Schutz des einstigen Herzogs von Sachsen-Hildburghausen steht. Aber seitens der Kirchenbehörde muss es eine Legitimation geben und dem Grafen gelingt es, sich mit Oberkonsistorialrat Dr. Ludwig Nonne zu einigen, dem er ein versiegeltes Schriftstück überlässt, das erst nach seinem eigenen Tod geöffnet werden darf und die Personalien seiner Gefährtin offenbaren soll. Auch Nonne weiß, dass der Graf weder die Wahrheit sagen kann, noch will und vermerkt nach dessen Tod zu seiner Lebensgefährtin in das Totenregister der Hofkirche von Hildburghausen: „Sophia Botta, bürgerlich, Westphalen, Eishausen, 58 Jahre alt, gestorben 25. November 1837, begraben 28. November.“ Das ist das bekannte Ende der mysteriösen Geschichte am Schulersberg – bis zum Sommer 2014.
Der sogenannte Interessenkreis „Madame Royale“ hat nach dem mdr-Wissenschaftsprojekt nichts Eiligeres zu tun, als sich in Interessenkreis „Dunkelgräfin“ umzubenennen und startet auf der Suche nach einer „Sophia Botta“ eine europaweite Kampagne. Der Nachname, vermutlich aus Italien stammend, versetzt viele Leute, die „Botta“ heißen, in helle Aufregung. Für manche ist es unvorstellbar, was sie plötzlich mit einer französischen Königstochter zu tun haben können. Letztendlich war es eine lächerlich sinnlose Aktion, denn Historiker haben das längst vor ihnen herausgefunden. Für mich stellt sich allerdings hier die Frage, inwieweit das Interesse dieser Gemeinschaft überhaupt ging, tatsächlich nachzuweisen, ob Madame Royale in Hildburghausen/Eishausen lebte, denn zu viele unhaltbare Argumente erwecken vielmehr den Eindruck, es liegt ihnen mehr daran zu behaupten, bei Madame Royale handelt es sich niemals um die Dunkelgräfin? Anders weiß ich es nicht zu verstehen.
Als manche Experten aus Hildburghausen vor der Exhumierung zum Grab der Dunkelgräfin ihre Zweifel hegen, um auch die Bürgerinitiative zu unterstützen, hat man sie nur mitleidvoll belächelt. Ich erinnere mich noch zu gut an Hans-Jürgen Salier, der kurz vor dem Bürgerentscheid auf der Pressekonferenz von „Freies Wort“ mit dem mdr und den Filmemachern im Rathaussaal zum „Für und Wider der Exhumierung“ sehr treffend bemerkt: „Ich glaube nicht, dass die Dame dort oben am Schulersberg liegt.“ Doch wer wollte das schon in der damaligen Zeit hören, so unscheinbar und weltfremd kam vielen Leuten die Aussage vor, nur ein Kopfschütteln ging durch den Rathaussaal. Diese Aussage hatte mit Fortschritt nichts zu tun, bemerkte man. Aber letztendlich, wie recht hatte er! Auch das ist vorbei, manche Dinge brauchen eben ihre Zeit und dieses Rätsel ganz besonders.
Kommen wir zu den Ereignissen, die sich tatsächlich im Hintergrund abgespielt haben und zu Schlussfolgerungen, wer dem Grafen bei der Beschaffung der Leiche geholfen haben könnte.
Herzog Bernhard II. Erich Freund von Sachsen-Meiningen kann sicher ausgeschlossen werden, jedoch trägt er an der außergewöhnlichen Genehmigung des Grabes am Schulersberg einen entscheidenden Anteil.
Bei genauer Betrachtung spielen die Freimaurer beim Schutz der Prinzessin immer eine sehr wichtige Rolle, die sich wie ein „roter Faden“ durch das Leben der mysteriösen Geheimnisvollen zieht.
Carolin Philipps schreibt in ihrem Buch: „… sie und alle anderen, die in den nächsten Jahren den Schutz der Prinzessin übernahmen, waren als Freimaurer der Menschlichkeit und der Verschwiegenheit verpflichtet, auch wenn sich der Passus der Verschwiegenheit verpflichtet vor allem auf die Logenarbeit bezog. Immer wieder werden wir … auf einen Eid stoßen, der geschworen wurde mit dem Ziel, das Geheimnis zu bewahren.“
Herzog Friedrich von Sachsen-Hildburghausen, der den Grafen stets unter seinen Schutz stellt, ist Freimaurer. Seine beiden Söhne Joseph und Georg ebenfalls. Nach dem Teilungsvertrag von Hildburghausen verlässt der Herzog am 17. November 1826 mit dem größten Teil seines Hofstaates das Land und übernimmt das wirtschaftlich besser dastehende Sachsen-Altenburg. So scheint es kein Zufall zu sein, dass durch die Neuordnung der sächsischen Herzogtümer Dr. phil. Johann Wilhelm Roux kurz darauf 1827 nach Meiningen versetzt wird. Roux, 1777 geboren, gehört zunächst seit 1809 der Loge „Ernst zum Kompaß“ in Gotha an. 1828 tritt er in die Meininger Loge ein und ist zum Zeitpunkt des Todes der Dunkelgräfin für kurze Zeit dort Meister vom Stuhl. Nachdem für van der Valck durch den Wegzug des Herzogs nach Altenburg ein wichtiger Beschützer in weite Ferne rückt, bekommt er durch ihn mit großer Wahrscheinlichkeit einen neuen Verbindungsmann an die Seite gestellt. Der beigeordnete Meister, Friedrich Ferdinand Franz Schmid, geboren 1790, geheimer Justizrat und Kreisgerichtsdirigent, wird 1817 in die Loge „Karl zum Rautenkranz“ in Hildburghausen aufgenommen und affiliert (wechselt, d. Verf.) 1834 nach Meiningen. Es bleibt zu vermuten, dass beide an der Beschaffung eines weiblichen Leichnams mitgewirkt haben. Bemerkenswerterweise verlässt Roux kurz nach der offiziellen Beerdigung der Dame am Schulersberg die Meininger Loge, denn sein „Auftrag“, der Schutz der Prinzessin, hat sich für ihn erledigt. Allerdings muss diesem Aspekt noch etwas tiefgründiger nachgegangen werden.
Wer nun die bestattete Dame am Stadtberg ist, bleibt vorerst ungelöst. Eines scheint jedenfalls sicher, weder der vorgefundene Schädel noch die Oberschenkelknochen passen zu der dort ursprünglich begrabenen Leiche und stammen sehr wahrscheinlich von einer Person aus Hildburghausen. Laut Stabs- und Bataillonsarzt Dr. v. Mielecki waren „besonders die Zähne gut erhalten“. Die erste Graböffnung wird am 8. Juli 1891 von Human, Mielecki und einem Totengräber vorgenommen. So bleibt nur zu vermuten, dass Human und Mielecki nach der Exhumierung die Schließung des Grabes nicht bis zum Ende verfolgen, sondern dem Totengräber vertrauen. Damals ist man in Hildburghausen mehr als heute überzeugt, dass es sich bei der Dame um die französische Königstochter handelt. Der Totengräber jedenfalls hat alle Möglichkeiten, ein paar Knochen als „Trophäen“ auszutauschen, vielleicht ließe sich ja damit später Geld verdienen. Der Zugang zum damaligen Hildburghäuser Beinhaus, in dem ausschließlich die größten Knochen eines Skeletts aufbewahrt werden, war für ihn kein Problem. Zumindest würde es den fast zahnlosen Schädel und die dilettantisch gelegten Oberschenkel erklären, denn einem Human oder Mielecki wäre das mit Sicherheit nicht passiert.
Passen wir weiter dem bestehenden Modell die neue Erkenntnis an, dass die Dunkelgräfin fünf Wochen früher als angenommen stirbt, werden auch andere verwirrende Tatsachen verständlich.
Der Graf ist bei der offiziellen Bestattung am Schulersberg nicht anwesend, und das ist ungewöhnlich! Nach allem, was wir über ihn wissen, hätte ihn selbst die schlimmste Krankheit nicht abhalten können, die Dame auf ihrem letzten Weg zu begleiten. Den Sargdeckel nach einem angeblichen bourbonischen Brauch öffnen zu lassen, den es nachweisbar nie gab, hätte er bei der richtigen Dame niemals geduldet!
Auch ein weiterer Aspekt erklärt sich. Kühner schreibt: „Als er (der Graf, d. Verf.) später den Garten (am Schulersberg, d. Verf.) durch seinen Agenten in einer gerichtlichen Schenkung an den jüngeren Schmidt abgab, ließ er die Bedingung niederschreiben: dass ihm selbst sein Grab an der Seite der Dame bereitet werde und dass bis auf zehn Jahre nach seinem Tod der Garten zu keinem öffentlichen Vergnügungsort, was er früher gewesen war, benutzt werde.“
Das Dienerpaar Schmidt hätte dem Grafen sicher diesen letzten Wunsch erfüllt oder sich zumindest dafür eingesetzt, wenn die echte Gräfin tatsächlich am Schulersberg liegen würde. Zeit ihres Lebens waren die Schmidts schon durch ihre Eltern zu tiefer Dankbarkeit und Treue dem Grafen verpflichtet. Trotzdem pflegen sie das Grab pietätvoll viele Jahre. Der Graf besucht es nur im Frühjahr darauf ein einziges Mal.
Weiter müsste ein kleiner Aspekt aus Kühners Schrift korrigiert werden: „Im Herbst des Jahres hatte der Graf, in einem Briefe an seine langjährige Korrespondentin (Witwe Kühner, d. Verf.), gegen die er noch nie eine Äußerung von der Anwesenheit einer Dame im Schloss hatte fallen lassen, zum ersten Mal ꞌseine Lebensgefährtinꞌ erwähnt und zugleich mit Besorgnis von der Abnahme ihrer Kräfte gesprochen. Es sah aus wie eine Vorbereitung auf den Fall, der wenige Tage später eintrat und freilich das längere Ignorieren der Gräfin unmöglich machte.“ Natürlich können weder Karl Kühner noch seine Mutter wissen, dass die Dame bereits tot war. Der Graf spricht demzufolge niemals vor ihrem Tod von seiner Gefährtin.
Außerdem bleibt der Kauf des Grundstücks am Schulersberg, das der Graf im Jahr 1833 erwirbt. Bis zum Tod der Dame sind es nur noch vier Jahre, und vielleicht drei- bis viermal im Jahr hält sich das Paar dort auf. Der Lieblingsplatz dient nur dem Mittel zum Zweck, denn der Kauf erfolgt in weiser Voraussicht und dient der Vorbereitung seines Plans.
Das trifft auch auf die plötzliche Entlassung der Köchin Johanna Weber im Jahr 1835 aus einem nichtigen Grund zu. Immerhin hat sie dem Grafen sechsundzwanzig Jahre treu gedient. Ihre neue Stelle in Hildburghausen, im „Sächsischen Haus“, ist dem Grafen wegen möglicher Indiskretionen zu gefährlich, und er empfiehlt sie der Familie v. Fischern auf Schloss Eyba bei Saalfeld. Die Köchin weiß einfach zu viel, und nachdem sich abzeichnet, dass die Gräfin stetig schwächer wird und der Graf sie überlebt, wird sie zum Risiko für seinen Plan, den er mit rücksichtsloser Konsequenz verfolgt. Plötzlich überflüssig, kommt die Köchin zu einer Herrschaft, die ohnehin wegen der engen Verbindung zum Hildburghäuser und Meininger Hof von allem Kenntnis hat, was später aus Korrespondenzen von Caroline v. Fischern geb. v. Stocmeier, eine Verwandte zum herzoglichen Hof von Sachsen-Hildburghausen-Altenburg, mit Herzogin Antoinette von Württemberg geb. Prinzessin von Sachsen-Coburg-Saalfeld, eine Schwester des damals regierenden Herzogs von Coburg ersichtlich ist. Für Johanna Weber wird Schloss Eyba zu einer notwendigen Verbannung. Caroline v. Fischern bekommt sie vom Grafen wie ein Vermächtnis“ anvertraut, sogar eine umfangreiche Akte führt man über sie, die sich zunächst auf Schloss Eyba, später im Saalfelder Heimatmuseum und heute im Thüringischen Staatsarchiv Schloss Heidecksburg in Rudolstadt befindet. Eine Akte über Bedienstete in damaliger Zeit ist äußerst ungewöhnlich. Bis zu ihrem Tode zahlt der Graf ein reichliches Weihnachtsgeld als Entschädigung, denn er muss sich ihres Schweigens sicher sein. Es dürfte feststehen, dass die Köchin die Dame wohl häufiger unverschleiert sah, als sie später zugibt. Zwar hat der Graf ihre Dienste außerordentlich geschätzt, aber sein Auftrag bleibt oberstes Ziel. Die Köchin stirbt am 24. Februar 1845 qualvoll an Magenkrebs, fünf Wochen vor dem Grafen. Sie darf Schloss Eyba nicht mehr verlassen und sich in die Pflege ihrer Tochter Dorothea Schmidt begeben, die damals bereits das Haus am Schulersberg bewohnt.
Mit dem Tod der französischen Prinzessin ist nun eigentlich auch die Lebensaufgabe des Grafen erfüllt. Viel hat er für sie geopfert – ein ganzes Leben. Im hohen Alter, er bereut nichts, auch wenn ursprünglich alles einem Eid, den Charles-Maurice Talleyrand, damals französischer Außenminister und ein genialer Staatsmann, der in allen Regimen Frankreichs stets die höchste Ämter begleitet, geschuldet war.
Kühner zitiert den Grafen aus einem Brief an seine Mutter: „Meine Zurückgezogenheit war lange eine gezwungene; in letzter Zeit aber war sie freiwillig“.
Leonardus Cornelius van der Valck hat zeit seines Lebens unendlich viele falsche Fährten zur Sicherung und Wahrung des Inkognitos der Dame gelegt, und so kann er nach seinem Tod davon ausgehen, dass es keine einheitliche Meinungsbildung über ihn geben wird. Auch das trägt entscheidend zum Schutz der Dame bei. Wer sich sachlich der Dunkelgrafenliteratur nähert, merkt sehr schnell, dass alle Autoren von unterschiedlichen Standpunkten in der Beurteilung des Handelns und des Charakters des Grafen ausgehen. Er hat seinen „potenziellen Enttarnern“ ein unlösbares psychologisches Glanzstück vorgelegt. Trotz vieler sachlicher Analysen ist lange Zeit kein Mensch in der Lage, das Geheimnis zu lüften, denn er hat es selbst mit ins Grab genommen.
„Keine Macht der Erde soll mir mein Geheimnis entreißen, ich nehme es mit ins Grab!“, sagt der Graf und lange, lange wird er damit recht behalten. Im Jahr 2017 begeht die Dunkelgräfin immerhin ihren 180. Todestag.
Nachdem wir sicher wussten, dass die Dunkelgräfin wesentlich früher gestorben sein muss und das Grab am Schulersberg nur eine Alibifunktion besitzt, habe ich mich an Wahrsagerin Silvi aus Hildburghausen gewandt. Ihre Gabe wird von Polizei und Staatsanwaltschaft auch außerhalb des Freistaates Thüringen sehr geschätzt und ist bei schwierigen Ermittlungen durchaus üblich. Mit ihr gemeinsam, Roland Eyring und mir, ist es gelungen, das Grab der Dunkelgräfin auf den Quadratmeter genau zu finden. Es liegt bei Eishausen, in der Nähe vom Ausgang des unterirdischen Ganges, der im ehemaligen Schloss zu Eishausen seinen Anfang nimmt.
Bei einigen Persönlichkeiten möchte ich mich bedanken, die mitgeholfen haben, das Rätsel zu lösen. Zu allererst bei meinen besten Freunden: Sabine Rühle v. Lilienstern und Hans-Jürgen Salier, die immer daran geglaubt und mich ermutigt haben. Roland Eyring vom Heimatverein Eishausen, der mir noch so vieles über das Dunkelgrafenpaar berichten konnte, mehr als in der Literatur zu finden ist. Bei Wahrsagerin Silvi, für die tolle Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Sie hat mir sogar ziemlich genau den Zeitraum des Todes der Dame benennen können, ohne dass sie sich vorher mit dem Thema beschäftigt hat. Weiterhin beim Vereinsvorsitzenden des Heimatvereins Eishausen Bernd Hofmann, der uns den Zugang zu den Kellerräumen des Verwaltungsgebäudes vom Schloss ermöglichte. Der Historikerin und Schriftstellerin Carolin Philipps, die mir immer wertvolle Tipps und viele Fragen beantwortet hat. Prof. Dr.-Ing. habil. Berthold Knauer, ein Nachfahre der Herren zu Heßberg, zu denen das Eishäuser Schloss gehört und deren Recherchen hierzu noch nicht abgeschlossen sind. Vielen Dank an Dr. med. habil. Horst-Dietrich Otto für seine hoch interessanten Ausführungen zum Skelett am Schulersberg sowie seinem Bruder Hans-Georg Otto, der akribisch bei Madame Royale aus Überzeugung immer am Ball geblieben ist. Außerdem Frau Moczarski vom Kreisarchiv Hildburghausen, Frau Andrea Jakob – Museumsleiterin in Meiningen und ganz wichtig die Freimaurerloge Georg Liberalitas e.V. in Meiningen, die mir im Laufe der Zeit viele Einblicke in die Freimaurerei ermöglicht hat. Im Museum im Schloss Elisabethenburg kann man übrigens noch bis 1. Mai 2017 eine sehr interessante Ausstellung über „275 Jahre Freimaurerei in Meiningen“ besichtigen.

Ines Schwamm, Hildburghausen

verwendete Literatur:

Béarn née de Tourzel, Pauline de: Souvenirs de quarante ans (1789 – 1830). Récits d’une dame de Madame la Dauphine. – Jacques Lecoffre, Paris, 1861

Blond, Elisabeth Le: The Mystery of Eishausen. A secret of the Bourbons. In: The Nineteenth Century and After. Bd. 72 (Juli – Dezember 1912), S. 1168 – 1174

Boehmker, Richard: Das Geheimnis um eine Königstochter. Die Lösung des mehr als hundertjährigen Rätsels von Hildburghausen. Ausführlichstes neuestes Forschungswerk auf Grund einschlägiger Literatur und historischer Daten. – F. W. Gadow & Sohn Hildburghausen und Helinghsche Verlagsanstalt, Leipzig, 1937

Buff, Albert: Die Dunkelgräfin, Teil I. In: Heimatbuch für das obere Werratal und die angrenzenden Gebiete, Heft 1. – Hildburghausen, 1925

Buff, Albert: Die Dunkelgräfin, Teil II. In: Heimatkundlicher Lesebogen des Kreises Hildburghausen, Nr. 9. – Hildburghausen, 1946

Daehne, Paul: Das Geheimnis der Dunkelgräfin. – Max Beck GmbH, Leipzig, 1933

Human, Rudolf Armin: Der Dunkelgraf von Eishausen. Erinnerungsblätter aus dem Leben Eines Diplomaten. Teil I 1883, Teil II 1886. – Kesselring’sche Hofbuchhandlung, Hildburghausen

Human, Rudolf Armin: Chronik der Stadt Hildburghausen, der Diözese und des Herzogtums. – Hildburghausen: 1886. – Reprint. Herausgeber: Hans-Jürgen Salier. – Hildburghausen: Verlag Frankenschwelle KG, 1999

Human: Chronik der Stadt Hildburghausen II. In: Heft 65 der Schriften des Vereins für Sachsen-Meiningische Geschichte und Landeskunde. – 1912.

Interessenkreis „Dunkelgräfin“ (Thomas Meyhöfer), Gedenkschrift 2014

Kühner, Karl: Die Geheimnisvollen im Schlosse zu Eishausen. Anonym. In: Bülau, Friedrich: Geheime Geschichten und rätselhafte Menschen. – Brockhaus Leipzig, 1852. Nachdruck Reclam (Universal-Bibliothek Nr. 2959), Leipzig, o. J. (1920). – Verschiedene Nachdrucke.

Lannoy, Maria de: Madame Royale. – 3 Bände: I. Het Spinnweb II. Gouden Horizont III. Het Droomhuis (Romantrilogie). – Verlag Callenbach, Nijkerk, 1960

Lannoy, Mark: Das Geheimnis des Dunkelgrafen. War Prinzessin Marie Thérèse Charlotte de Bourbon. – Books on Demand GmbH, Norderstedt, 2007

Maeckel, Otto Victor: Das Rätsel von Hildburghausen. Ein hundertjähriges Geheimnis im Lichte der neuesten Forschungen. – F. W. Gadow & Sohn, Hildburghausen, 1926

Maeckel, Otto Victor (with the collaboration of Mrs. Aubrey le Blond): The Dunkelgraf Mystery. – Hutchinson & Co., London, 1929

Marie-Thérèse-Charlotte de France. Mémoire sur la Captivité des Princes et Princesses ses Parents depuis le 10 aout 1792 jusqu’à la mort de son Frère arrivée le 9 juin 1795. Publié sur le manuscrit autographe appartenant à la Duchesse de Madrid. – Librairie Plon, Paris, 1892

Philipps, Carolin: Die Dunkelgräfin -Das Geheimnis um die Tochter Marie-Antoinettes, Piper-Verlag 2012

Rühle v. Lilienstern, Helga und Salier, Hans-Jürgen: Das große Geheimnis von Hildburghausen – Auf den Spuren der Dunkelgräfin, Salier – Verlag 2008

Sachsen-Altenburg, Friedrich Ernst von: Das Rätsel der Madame Royale – Marie Thérèse Charlotte von Frankreich (bearbeitet von Marianne Eichhorn). – Verlag Frankenschwelle Hans J. Salier; Hildburghausen, 1991

Wikipedia – die freie Enzyklopädie

http://www.zeit.de/1948/14/das-aufgehellte-naundorff-raetsel

http://www.focus.de/politik/deutschland/geschichte-das-herz-eines-koenigs_aid_182902.html

http://carlosmundy.com/?p=222 New DNA tests prove that the descendants of Naundorff are Bourbons!

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