Die arme verwaiste „Sophia Botta“?

Einige Leser haben uns gebeten, wieder etwas mehr zum Thema Dunkelgräfin zu veröffentlichen. Das wollen wir gerne tun. Immerhin sind fast zwei Jahre vergangen, nachdem man das Geheimnis spektakulär gelüftet hat und plötzlich einige Ungereimtheiten zutage treten, auf die wir nicht alle an dieser Stelle eingehen können.
Nach der wohl weniger erfolgreichen Wissenschaftsdokumentation des mdr war man nun europaweit auf der Suche nach möglichen Verwandten mit dem Namen Botta, um mit ihnen die außergewöhnliche DNA abzugleichen, die man aus der Dame im Grab am Stadtberg erhalten hat. Natürlich Fehlanzeige! Bei einigen betroffenen Personen folgten schlaflose Nächte, glaubten sie doch tatsächlich eine Weile, sie wären plötzlich mit einer Königstochter verwandt. Weiterhin kursierte die Hypothese, Leonardus Cornelius van der Valck hat an einer schleichenden Geisteskrankheit gelitten und die Dunkelgräfin wurde sein zufälliges Opfer. Was für ein Nonsens!
Sicher existiert kein Tagebuch van der Valcks oder des Pfarrers Kühner, doch es gibt einen Augenzeugen, Dr. Karl Kühner, Sohn des Hofpredigers und Pfarrers von Eishausen, Heinrich Kühner, der im Jahr 1852, also sieben Jahre nach dem Tod des Dunkelgrafen (1769 – 1845, Leonardus Cornelius van der Valck) und 15 Jahre nach dem Ableben der Dunkelgräfin (1778 – 1837, Madame Royale) folgendes Zitat niederschrieb. Er kannte wie kein anderer die Geheimnisvollen von Hildburghausen und im Schloss Eishausen. Kühner schrieb u. a. in seiner Schrift:

Nehmen wir hiernach die Erklärung des Grafen für wahr an, und also auch die Angabe, dass die Verstorbene arm, von unbedeutendem Stande gewesen und keine Verwandten habe, so ist zwar sehr begreiflich, dass niemand zum Antritt der Erbschaft der Dame sich meldete. Aber wenn sich irgend Personalien erfinden lassen, welche die Lebensweise der Dame unerklärlich erscheinen lassen, so sind es eben die von dem Grafen erklärten Umstände. Eine arme, bürgerliche, vater- und mutterlose Waise, die keinen Verwandten mehr in der Welt hat – diese wird in das verzauberte Schloss geführt, mit Verehrung und zartester Aufmerksamkeit wie die Herrin desselben behandelt und mit einem unsäglichen Aufwand von großartigen Mitteln, mit einer, das ganze Leben des Mannes absorbierenden Resignation von diesem dreißig Jahre lang vor den Augen der Welt gehütet, wie ein kostbares Kleinod, das, der Welt geraubt, jeden Augenblick in Gefahr steht, entdeckt und wieder zurückgefordert zu werden. Die arme Waise, nach der niemand fragt, wird gehütet wie eine entführte Königstochter!

Das soll also die verwaiste Sophia aus Westphalen gewesen sein, die im Jahre 1810 auf der Wiese in Eishausen hinschwebte und den »Herrn« wie einen »Diener« hinter sich hatte? Und der Herr hinter ihr, der stolze, feurige Graf, der sie, den Hut unter dem Arm, in den Wagen hebt, ist ihr Wohltäter, ihr Erretter? Die arme Waise, zu der niemand sich bekennen will, obschon alle Tuben der Journalistik nach ihren Verwandten rufen, – also sie ist es, die man selbst vor den Augen der Bäuerinnen von Eishausen verbergen musste, als ob jede derselben ihr Geheimnis entdecken könnte?!

Der Schlüssel, den der Graf uns zu dem Geheimnis der Unbekannten gibt, bricht ab, sobald wir ihn gebrauchen wollen, und die dunkle Pforte, hinter der die Geheimnisvolle lebte und starb, schließt sich nur noch fester.
Wenn ich, wie ich so gern möchte, an der Wahrheitsliebe des Grafen nicht zweifeln soll, so bleibt mir nur übrig, die sachlichen Personalien, die er für die Dame freiwillig angab – nämlich, dass sie eine Waise sei und ohne Verwandte, – buchstäblich oder in bildlichem Sinne für wahr zu halten, den Namen Sophia Botta, aber nicht für den ursprünglichen, sondern für einen, in früherer, verhängnisvoller Zeit auf die aus dem Verzeichnis der Lebenden gestrichene Frau übertragenen und von ihr angenommenen Namen.

(Der Text wurde der modernen Rechtschreibung angepasst.)

Die Wissenschaftler kannten womöglich die Schrift nicht, dann hätten sie sich o.g. Wege sparen können.

Übrigens, wer sich überdies noch dafür interessiert: Wir haben nachfolgend ein paar Fakten dazu aufgeschrieben und können unseren Lesern und den Interessierten am Schicksal der Madame Royale mitteilen, dass wir demnächst den kompletten Kühner-Text auf unseren beiden Homepages veröffentlichen. Ausgangspunkt der Dunkelgräfinnen-Forschung ist und bleibt niemand anders als Dr. Karl Kühner, der nicht wissenschaftlich blind in der Thematik herumgestochert hat, wie das reichlich anderthalb Jahrhunderte später noch geschieht – in einer Gesellschaft mit den vielen Krimi-Macken.

1852 ist bei Philipp Reclam, Leipzig, anonym erschienen Dr. Karl Kühners Schrift „Die Geheimnisvollen im Schlosse von Eishausen“ in der Reihe „Geheime Geschichten und rätselhafte Menschen“. Herausgegeben hat die Arbeit Professor Dr. Friedrich von Bülau (1805 – 1859). Hierbei handelt es sich um die erste ernsthafte Quelle zur Dunkelgrafen-Forschung.

 

Schrift Kühner

Dr. Karl Kühner (1804 – 1872), der Sohn des Hofpredigers und Eishäuser Pfarrers (1772 – 1827) und Schwiegersohn des Arztes Dr. Carl Hohnbaum verfasst mit dem Text eine klassische Verteidigungsschrift über „Die Geheimnisvollen im Schlosse von Eishausen“. Das Maß ist für ihn voll, wie der Dunkelgraf in einer Vielzahl von irrwitzigen Schriften und Gerüchten bloßgestellt bzw. verleumdet wird. Er hat das Geschehen um das geheimnisvolle Paar von Kindheit an mit wachem Verstand verfolgt, und er schreibt: „Ich werde stets der Spur der Wahrheit zu folgen suchen und in das Gebiet der Dichtung und Sage, so nahe es hier auch an die Wirklichkeit grenzt, nirgends abschweifen.“

Er veröffentlicht seine Schrift nicht sofort, sondern erst sieben Jahre später nach dem Tod Van der Valcks und dann auch noch anonym in der 1852 erschienenen Reihe „Geheime Geschichten und rätselhafte Menschen“ von Friedrich Bülau. Er möchte verhindern, „noch Lebende schmerzlich zu berühren“.

Dem Text von Kühner kann man ernsthaft folgen, die Anonymität hat er nicht nötig. Er ist 41 Jahre alt, wirkt als Superintendent und leitender Direktor des gesamten Schulwesens im einstigen Fürstentum Saalfeld, der spätere Direktor der „Frankfurter Musterschule“ und Präsident des „Frankfurter Schulreform-Versuchs“.

 

Die Geheimnisvollen im Schlosse

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