Die Dunkelgräfin – Hintergründe für die Wahl ihres einsamen Lebens

Folge 3

Medaille geprägt um 1800, Auftraggeber König von Preußen

Marie Thérèse Charlotte von Frankreich muss sich zeit ihres Lebens der Intrigenmacht beugen und sich tödlichen Gefahren aussetzen. Sie wurde Opfer der Unmenschlichkeit revolutionärer Eiferer, aber auch der angeblich mit ihr verbundenen Familien, den macht- und geldsüchtigen Habsburgern und den Bourbonen. Sie wählte in Zurückhaltung die Einsamkeit, treu bewacht und umsorgt von einem charakterfesten wahren Mann, Leonardus Cornelius van der Valck. Über ihren Tod hinaus bleibt sie weiter Opfer von teils niederen Instinkten, Spekulationen und Profilierungssüchten, vor allem gepaart mit provinziellem Kleingeist. Selbst im demokratischen Zeitalter, im 21. Jahrhundert, wird sie verkannt, ihr Andenken gedemütigt.
Meine Worte sind keineswegs überzogen, sondern sie sind realistisch, sonst wäre in gemeinsamer Anstrengung das große europäische Rätsel längst gelöst, denn dass es sich bei der Dunkelgräfin um Madame Royale handelt, besteht längst kein Zweifel mehr.
Friedrich Ernst Prinz von Sachsen-Altenburg (1905 – 1985), Sohn des letzten Herzogs Ernst II. (1871 – 1955), veröffentlicht 1954 sein Buch „LꞌÉnigme de Madame Royale“ bei Flammarion in Paris. Es basiert auf umfangreich zusammengetragenem Material des größten Dunkelgrafenforschers Otto Victor Maeckel (1884 – 1939) und wurde durch weitere Recherchen des Prinzen ergänzt, der als studierter Historiker und Archäologe das wissenschaftliche Arbeiten beherrschte. Mit seinem Tod im Jahr 1985 bleibt Friedrich Ernst eine Publikation trotz größter Bemühungen in deutscher Sprache versagt. Auch in der DDR bestand aus ideologischen Gründen nur sehr wenig Interesse. Im Jahr 1991 erscheint im Verlag Frankenschwelle Hans-Jürgen Salier in Hildburghausen „Das Rätsel der Madame Royale Marie Thérèse Charlotte von Frankreich – Ein zweihundertjähriges Geheimnis im Licht neuerer Forschungen“, eine Überarbeitung und Übersetzung aus dem Französischen der aus Sonneberg gebürtigen Marianne Eichhorn, einer engen Mitarbeiterin des Prinzen und exzellenten Kennerin der deutschen und französischen Adelsgeschichte. Als 1954 das Werk des Prinzen in einer Auflage von 5.000 Stück erscheint, ist es nur für wenige Stunden käuflich zu erwerben, dann ist der Buchmarkt wie leergefegt, der größte Teil der Auflage wird schlagartig aufgekauft, vermutlich vom Grafen von Paris (d’Orléans). Das beweist, wie viel Gewissheit darin steckt und wie groß nach mehr als einhundert Jahren das Interesse immer noch ist, die Wahrheit zu verbergen.
Bereits in diesem Buch ist die Identität der Dunkelgräfin zweifelsfrei geklärt worden. Hierzu sind nur einige Fakten zu nennen: Im Jahr 1929 meldet sich bei Maeckel ein eingeheirateter Verwandter des Dunkelgrafen, Dr. Brinkhaus. Er berichtet ihm, dass er schon seit 1871 in das Familiengeheimnis eingeweiht worden sei. Sein Urgroßvater, Dr. Katzenberger, der berühmte Leibarzt des preußischen Königshauses, behandelte die Dame 1806 wegen eines schweren Leidens in Holland. Dafür nimmt er sogar die zusätzliche Promotion zum holländischen Doktor in Kauf, denn nur so kann er als Arzt in diesem Land praktizieren. Brinkhaus erklärt glaubhaft, dass Königin Luise von Preußen, Schwester der Hildburghäuser Herzogin Charlotte, dem geheimnisvollen Paar die Empfehlung für den Hof Sachsen-Hildburghausen gab und Katzenberger diesen Vorschlag überbringt. Das Paar bewohnte dort in strengster Abgeschiedenheit ein Schlösschen in der Nähe von Leiden. Im Sommer 1806 steht Holland allerdings ein Machtwechsel bevor. Die Batavische Republik, ein französischer Satellitenstaat, wird in ein Königreich umgewandelt, denn Napoleon hebt seinen Bruder Louis auf den niederländischen Thron. Das Paar muss Holland verlassen.
Zudem offenbart August Schmitz, Sohn des Großonkels Piet Schmitz, dem Erben des Dunkelgrafen, Brinkhaus im Jahr 1871, dass sein Vater 1865 im Testament eine versiegelte Kiste hinterließ, die seinem Vetter übergeben werden solle. Nach dem gemeinsamen Öffnen enthält die Kiste nichts wichtigeres als den Inhalt der „beweiskräftigen Urkunden, dass die Gefährtin des Leonardus van der Valck die Tochter Ludwigs XVI. und Marie Antionettes war … „August Schmitz versichert Dr. Brinkhaus ehrenwörtlich, „diese Dokumente gesehen und gelesen zu haben, diese wurden aber, dem ausdrücklichen Wunsch seines Vaters entsprechend, im Einverständnis mit seinem Vetter noch im selben Jahr vernichtet.“
Außerdem gibt es noch eine letzte Mitwisserin des Geheimnisses der Familie Sachsen-Altenburg, Königin Marie von Hannover, eine Enkelin von Friedrich und Charlotte von Sachsen-Hildburghausen. Sie wurde im Jahr 1818 als Tochter von Herzog Joseph von Sachsen-Altenburg noch in Hildburghausen geboren und stirbt fast neunzigjährig. Die Palastdame der Königin von Hannover, Frau von Heimbruch, soll für ihren Neffen, Baron von Gross aus Weimar, herausfinden, der an dem Geheimnis sehr interessiert ist, wer die Dame auf dem Schloss zu Eishausen gewesen sei. Lange Zeit versucht es Frau von Heimbruch vergeblich, denn die Königin ist abgeneigt, über diese Angelegenheit zu sprechen. Nach langem Zögern, vielleicht wurde ihr auch bewusst, dass wirklich nun nichts mehr davon abhängen kann, sagt sie wörtlich: „Meine Großeltern, die die Prinzessin mehrmals besuchten, und mein Vater und ich haben stets geglaubt, dass sie die richtige Tochter Ludwigs XVI. gewesen ist.“ Wie ängstlich muss man also noch viele Jahre danach gewesen sein, dass ja kein falsches Wort an die Öffentlichkeit dringt. Prinz Friedrich Ernst fällt bei seinen Recherchen eine weitere Merkwürdigkeit auf, von der er berichtet: Seine „beiden Urgroßmütter, Marie von Sachsen-Altenburg, Gemahlin des Herzog Georgs, und Marie von Sachsen-Meiningen, Gemahlin des Herzogs Bernhard Erich Freund, führten hauptsächlich in den Jahren 1830 – 1862, einen lebhaften Briefwechsel. Alle diese Briefe waren nach einzelnen Jahrgängen geordnet und nummeriert in großen Umschlägen im Besitz meines Vaters. Von dem geheimnisvollen Paar ist in der ganzen Korrespondenz nicht die Rede. Dagegen konnte man die sehr merkwürdige Beobachtung machen, dass gerade die Briefe, in denen man zeitlich gesehen eine Erwähnung hätte erwarten können, z. B. bei dem Tode der Dunkelgräfin 1837 und ihrem Gefährten 1845, entfernt worden sein müssen, was man am Fehlen der Nummern ersehen konnte. Und ebenso verräterisch ist auch die Tatsache, dass vielfach Absätze und einzelne Sätze in den Briefen herausgeschnitten worden sind, bei denen man den Zusammenhang nach vermuten muss, dass es sich darin um Bemerkungen über das Paar in Eishausen gehandelt hat. Es kann ja kaum ein Zufall sein, dass jedesmal vor den entfernten Briefstellen die Rede von Frankreich, der Revolution oder den Bourbonen ist.“
Der Kreis der fürstlichen Mitwisser des Geheimnisses ist sicher nur sehr begrenzt, und man ist stets ängstlich darauf bedacht, nicht durch eine geschriebene Zeile auch nur eine Kleinigkeit zu verraten. Der Vater und der Autor selbst haben aber danach die Lösung des Rätsels in keiner Weise mehr bezweifelt, obwohl sie selbst nicht mehr zu den Mitwissern gehörten.
Ziemlich genau auf den Tag, ein Jahr nach der Vertauschung von Madame Royale, schreibt Königin Luise am 25. Dezember 1796 an ihren Vater, Großherzog Carl von Mecklenburg-Strelitz: „Ich bin sicher, dass Sie, lieber Vater etwas wissen von der Angelegenheit, die uns noch frisch in der Erinnerung ist. Ich nenne keinen Namen, ich spreche darüber so wenig wie möglich, aber Ihnen sei gesagt, dass mir deswegen das Herz blutet. Sie haben keine Ahnung von den Gemeinheiten, die bei dieser Gelegenheit begangen wurden. Seien Sie so gütig, Großmama, der ich mich zu Füßen lege, zu sagen, dass ich mich um die Wertsachen der Emigrantin gekümmert habe, und dass ich hoffe, sie gut zu verkaufen. Haben Sie die Güte, nicht auf das mit der ‚Angelegenheit‘ zu antworten.“
Carl von Mecklenburg-Strelitz, Vater von Charlotte und Luise, wohnt seit der Hochzeit seiner Tochter mit dem Hildburghäuser Prinzen Friedrich 1785 acht Jahre in Hildburghausen, bis er schließlich eigene Regierungsgeschäfte in Neustrelitz übernimmt. Während der Zeit arbeitet er als Präsident der Kaiserlichen Debitkommission, die 1769 von Kaiser Joseph eingesetzt wurde, um die Finanzen des verschuldeten Fürstentums Sachsen-Hildburghausen zu ordnen und zu kontrollieren. Im Dezember 1786 stiftet er in Hildburghausen die Freimaurerloge „Carl zum Rautenkranz“, nach ihm wird die Loge auch benannt, und er ist bis zu seinem Tod 1816 ihr Meister vom Stuhl, außerdem ist er Provinzialgroßmeister der Provinzialgroßloge von Hannover. Die ersten „Arbeiten“ der Freimaurer erfolgen im Hildburghäuser Schloss, da die meisten Mitglieder aus dem Personal und der fürstlichen Familie stammen. Viele sind dort also der Geheimhaltung verpflichtet, welch bemerkenswerte Fügung!
Im 18. Jahrhundert breitet sich, ausgehend von England, ein Netz von Freimaurern in Frankreich und im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation aus. 1790 gibt es kaum eine größere Stadt ohne Freimaurerloge, manche Städte besitzen sogar mehrere, und beinahe jede steht mit den Nachbarlogen in Verbindung. Somit werden wir feststellen, dass die Freimaurer an der Seite der französischen Königstochter immer gegenwärtig sind und neben verwandtschaftlichen Fürsten- und Königshäusern ebenfalls eine wichtige Rolle spielen. Der angeführte Brief von Königin Luise an ihren Vater zeigt, wie schnell man für die damalige Zeit doch Kenntnis über die Angelegenheit der Vertauschung bekommen hat, und die Prinzessin kann sich ihrer Unterstützung sicher sein. Die Geschwister aus dem Haus Mecklenburg-Strelitz nehmen großen Anteil am Schicksal des französischen Königshauses, denn ihre Mutter und Tante, Landgräfinnen von Hessen-Darmstadt, verbindet zu Marie Antoinette schon seit ihrer Jugend eine innige Freundschaft. In einem ihrer letzten Verhöre vor der Hinrichtung wird Marie Antoinette nach zwei Miniaturen befragt. Beide gehören zu den wenigen Gegenständen, die ihr noch geblieben sind. Sie sagt: „Es sind die Bilder meiner Jugendfreundinnen, der Landgräfinnen von Hessen-Darmstadt.“ Man kann also davon ausgehen, dass die Freundschaft ihrer Mütter, auch die Töchter weiterführen werden. Es wird sogar vermutet, dass Luise über ihren Bruder, Prinz Georg von Mecklenburg-Strelitz, der Marie Antoinette übrigens sehr verehrte, einen Fluchtversuch organisieren lassen wollte, um die königliche Familie zu retten.
Ein weiterer Beleg, dass das Königshaus Preußen um das Geheimnis wusste, zeigt eine Medaille, die um 1800 von der Berliner Münze geprägt und mit Sicherheit vom König Friedrich Wilhelm III. in Auftrag gegeben worden ist. Auf der Vorderseite (Avers) sieht man die Kinder des französischen Königspaares, also Ludwig XVII. und Madame Royale. Die Rückseite (Revers) zeigt einen geschlossenen Vorhang mit der Schrift „QAND SERA-T-ELLE/LEVÉE?“ (Wann wird er gehoben werden?) Damals ist man noch davon überzeugt, dass über das Schicksal der beiden Kinder längst nicht das letzte Wort gesprochen ist. Keiner jedoch konnte auch nur erahnen, dass es über den Tod hinaus und viele Generationen bis heute andauern wird.
Beschäftigen wir uns zunächst mit Madame Royale selbst, um einige Zusammenhänge besser verstehen zu können, die zu ihrem Verhängnis führten. Marie Thérèse Charlotte de Bourbon wird am 19. Dezember 1778 geboren und verbringt die schönsten Jahre ihrer Kindheit unbeschwert in Versailles und Trianon. Ein Leben voller Reichtum und Luxus. Einerseits die mangelhafte Versorgung der Bevölkerung, hervorgerufen durch die katastrophale Finanz- und Wirtschaftslage im Land, auf der anderen Seite die Verschwendung und der pompöse Reichtum des Königshauses macht das Volk wütend. Angestachelt zum Teil von königlich verwandten Aristokraten, peitscht sich der Pöbel immer mehr auf und stürmt am 14. Juli 1789 die Bastille, das Staatsgefängnis in Paris. Im Oktober 1789 wird die königliche Familie durch Revolutionäre, getarnt als Fischweiber, gezwungen, in den alten tristen Tuilerienpalast umzuziehen. Auf den Weg dorthin werden sie von hysterischen Weibern begleitet, die auf einer Pike die Köpfe der königlichen Leibgarde vor sich her tragen. Spätestens da endet die kindliche Sorglosigkeit von Marie Thérèse, sie ist erst zehn Jahre alt. Anfänglich gelingt es zwar noch den Eltern, den wachsenden Druck und die unablässig größer werdenden Schwierigkeiten vor den Kindern zu verbergen, aber immer häufiger blickt Marie Thérèse in die verweinten Augen ihrer Mutter und das sorgenvolle Gesicht ihres Vaters. In den Tuilerien wird die königliche Familie mehr und mehr überwacht, mit jedem Tag wird Ihnen ein Stück ihrer Freiheit genommen. Im Juni 1791 gelingt ihnen kurzzeitig die Flucht. Sie werden aber kurz vor dem Ziel in Varennes gestellt, und es folgt eine demütigende Rückkehr nach Paris, bei der König und Königin den übelsten Beschimpfungen, Hohn und Spott von der stetig anwachsenden Menschenmenge ausgesetzt sind. Wieder in den Tuilerien angekommen, muss die Familie von ihrer ohnehin schon eingeschränkten Freiheit fast gänzlich Abschied nehmen. Zwar dürfen sie sich noch unter Bewachung im Garten aufhalten, aus dem Fenster sehen, in den Räumen und Sälen des Palastes umherlaufen, aber die Gelegenheit für Gespräche zwischen den Eltern wird immer schwieriger. Trotzdem geht das Leben im alten Palast weiter, man findet sich ab und passt sich an. Nach und nach verlassen bekannte Familien den Hof in Paris und emigrieren ins Ausland. Die königliche Familie erlebt Monate zwischen Hoffnung und Angst, wobei die Hoffnung stetig weniger wird und sie schließlich am 13. August 1792 nach dem Sturm auf die Tuilerien im Temple einquartiert wird. Dabei werden sie nur noch von wenigen Hofdamen und Kammerpersonal begleitet. Niemand weiß, wie lange sie dort ausharren sollen. Kurz darauf müssen auch die letzten treuen Personen, die nicht zur königlichen Familie gehören, den Temple verlassen, darunter Prinzessin Lamballe. Mitglieder der Kommunalen holen sie mitten in der Nacht aus dem Schlaf. Danach wird es still im dunklen Palast. Bei ihren täglichen Spaziergängen sind sie unter Bewachung im Garten des Temples übelsten Drohungen und Beschimpfungen ausgesetzt. In der Ferne hören sie die immer näher kommende Alarmtrommel schlagen und müssen erleben, wie eine grölende Menschenmasse den Kopf der besten Freundin ihrer Mutter, Prinzessin Lamballe, vor dem Fenster des Turms der königlichen Familie auf einer Pike präsentiert. Angst macht sich breit, der Pöbel wird nun auch den Temple stürmen, denn die verhasste Königin, die „Österreicherin“, soll das gleiche Schicksal erleiden. Weitere Gräueltaten folgen. Der Vater wird geholt und am 21. Januar 1793 guillotiniert, der Bruder, inzwischen Ludwig XVII., seiner Mutter zur „angeblichen“ Erziehung im Juli 1793 entrissen. Marie Thérèse muss mit ansehen, wie es der Mutter das Herz zerbricht. Wenig später, am 2. August 1793, entzieht man ihr die Mutter und schließlich die letzte Verwandte, Tante Elisabeth, im Mai 1794, die ihr noch bis zuletzt wertvolle Ratschläge geben kann. Mit fünfzehn ist sie im Turm dieses schrecklichen Temples völlig allein. Mehr als ein Jahr dauert die zermürbende Einzelhaft. Sie übersteht sie zwar, doch welche seelischen Folgen sie hinterlässt, müsste wohl für jeden nachvollziehbar sein. Nach dem Sturz von Robespierre am 10. Juni 1794 erhält sie Hafterleichterung. Dem Sprechen fast entfremdet, stellt man ihr eine Gesellschaftsdame, Madame de Chanterenne, an die Seite. Marie Thérèse erfährt vom Tod ihrer liebsten Angehörigen, der Mutter und Tante Elisabeth, die Opfer eines grausamen Terrors und unverantwortlichen Wahnsinns geworden sind. Eine letzte Hoffnung bleibt, ihr kleiner Bruder. Endlich darf sie im Temple Besuch empfangen. Durch ihre frühere Gouvernante, Madame de Tourzel und deren Tochter Pauline, offenbart sich ihr ein großer Teil der eigentlichen Wahrheit. Der Prinz von Provence, der jüngere Bruder ihres Vaters, ist nun für die Royalisten Ludwig XVIII. und Prinz de Artois, ihr jüngerer Onkel, der Dauphin! Ein Überleben des jungen Ludwig XVII. kommt für die Brüder niemals in Frage. Von der Familie ihres Vaters fühlt sich Marie Thérèse verraten, und es scheint ihr unmöglich, den Onkel als Nachfolger ihres Vaters zu akzeptieren, solange sie weiß, dass ihr Bruder noch am Leben ist. Ein großer Konflikt, dem sie sich psychisch nicht mehr gewachsen fühlt. Nicht nur von den Brüdern des Vaters wird sie enttäuscht, auch vom Neffen ihrer Mutter, Franz I., Kaiser von Österreich, dem einzigen Doppelkaiser der Weltgeschichte (bis 1806 als Kaiser Franz II. des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation). Er löst ein Feilschen um ihre Person aus, weswegen sie im Temple noch einige Monate länger bleiben muss. Immerhin geht es dabei um zwölf Revolutionsdeputierte, meist höhere Militärs, zwei Truhen voller Juwelen, um einen gigantischen Landbesitz (Lothringen) und obendrein um ihre Adoptivschwester, Mademoiselle Lambriquet. Über letztere allerdings kann sie selbst entscheiden. Aus verständlichen Gründen, emotional und nervlich mitgenommen, schreibt sie an die Wand im Temple: „Marie Thérèse ist die Unglücklichste aller Sterblichen.“ Der königliche Thron erscheint ihr nicht mehr als Geschenk, sondern nur noch als Fluch. Er hat ihr die gesamte Familie genommen, jeden einzelnen, nach und nach. Daraus ergibt sich nur der einzige Wunsch: Verschwinden aus der Öffentlichkeit, irgendwo leben, weit weg von Intrigen und Gefahr, in einem ruhigen Häuschen in „ländlicher Stille“, weit abgeschieden von ihrer Verwandtschaft, bei denen sie sich ohnehin nicht willkommen fühlt. Den damals politischen Mächten, Mitgliedern des Direktoriums, der französischen Regierung, kommt das natürlich sehr gelegen. Vielleicht will man ihr auch tatsächlich helfen und denkt schließlich über eine Vertauschung nach. Immerhin erhält man so einen Trumpf, von dem man zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen kann, ob man ihn jemals ausspielen wird oder nicht.
Am 26. Dezember 1795 wird in Hüningen, in der Nähe von Basel, die französische Prinzessin durch ihre Adoptivschwester Marie Philippine Lambriquet, genannt Ernestine, ersetzt. – Eine Zeit lang hielt man die zwei Jahre ältere Schwester Louise Catherine noch für eine mögliche Ersatzperson, aber solche Irrtümer passieren, wenn man sich auf Kopien verlässt, während im Original fein säuberlich radiert wurde. Das beweist, wie akribisch man doch versuchte, im Nachhinein alle Spuren zu verwischen.
Nach dem Austausch hält Marie Thérèse sich zunächst in der Umgebung von Basel, dem Schloss Heidegg in der Schweiz, dann in Straßburg und Le Mans auf. Die kommenden vier Jahre bieten ihr die Royalisten Schutz, aber nur diejenigen, die ihrem Vater einst treu ergeben und nicht an den Tod Ludwigs XVII., glauben. Viele davon sind Freimaurer. Bis dahin zeigt sie sich auch noch unverschleiert, hin und wieder mit einer Maske, aber stets zurückgezogen. Im Jahr 1799 werden die Karten neu gemischt. Am 10. Juni heiratet Ernestine den Herzog von Angoulême. Bei den Wahlen in Frankreich gewinnen die Jakobiner wieder an Boden. Die Freimaurer sind auf der Suche nach einem zuverlässigen Beschützer für die Prinzessin, denn die Situation in Frankreich spitzt sich zu und schiebt die Rückkehr der Bourbonen in weite Ferne. In Le Mans kann sie nicht bleiben und Leonardus Cornelius van der Valck, alias Ludwig Comté Vavel de Versay, übernimmt im Oktober die Prinzessin, kurz bevor sich Napoleon Bonaparte am 10. November durch einen Staatsstreich zum ersten Konsul wählen lässt und Frankreich wieder in eine Diktatur verfällt. Man muss bedenken, dass Napoleon auch den Herzog von Enghien ermorden ließ, er ist ein Cousin der Prinzessin, als sich das Paar zum Zeitpunkt in Ingelfingen aufhält. Das ist eine sehr ernste Warnung gegenüber den Bourbonen. Ab 1799 wird die Prinzessin von mehreren Seiten verfolgt, einmal durch Napoleon über den Polizeiminister Fouché mit seinen Agenten und den Häschern ihres Onkels Ludwig XVIII. Eine Rückkehr zu ihrer eigenen Identität ist nicht mehr möglich. Das wäre der größte politische Skandal aller Zeiten, wenn Frankreich zugeben müsste, man hätte die Habsburger zum Narren gehalten! Außerdem geht es den Bourbonen um Geld, um sehr viel Geld, um das Vermögen von Marie Antoinette, die Juwelen und ihre habsburgische Mitgift, von der man heute noch annimmt, sie wurde nur zu einem geringen Teil ausbezahlt und der Rest „eingefroren“. Kein Mensch der Welt wäre reicher gewesen als die Prinzessin. In Wien haben sie das Spiel längst durchschaut, aber die Blöße, sich zum Narren gemacht zu haben, will man nicht zugeben. Also wird die echte Prinzessin zum gejagten wertvollen Tier politischer Mächte und verwandtschaftlicher Gier. Stetige Wanderjahre beginnen und lassen darauf schließen, dass sich zunächst die Geheimnisvollen an das preußische Königshaus wenden. Bacher, verlängerter Arm des genialen französischen Staatsmanns Talleyrand (1754 – 1838), beide Freimaurer, signiert immer wieder die Pässe van der Valcks, sowohl unter seinem richtigen Namen als auch dem Pseudonym. Schließlich hält sich das Paar in den folgenden Jahren ständig auf der Flucht auf, meist in Gegenden, die den verwandtschaftlichen und freundschaftlichen Beziehungen zum Königshaus Preußen geschuldet sind. Also Gotha, Heidelberg, Schweinfurt, Ingelfingen, Gerlingen, sogar ein Treffen mit Zar Alexander bei Wien erfolgt. Zwischendurch muss der Graf nach Holland, um den Nachlass seiner verstorbenen Mutter zu regeln, und die Dame ist immer bei ihm. Dieses unstete Leben, denn nur der kleinste Vorfall gibt Anlass zur Flucht, ist auf Dauer nicht zu ertragen. Die Sehnsucht nach einem beständigen, abgelegenen Zuhause wächst, und das Paar gelangt schließlich in das kleine Residenzstädtchen Hildburghausen, wenig später ins Schloss zu Eishausen. Eines ist jedenfalls sicher, zu dieser Zeit kann niemand auch nur vorhersehen, dass dieses Versteckspiel ein ganzes Leben andauern wird.

Ines Schwamm, Hildburghausen

  • Herr schmeiß Hirn runter  schreibt:

    Liebe Frau Schwamm,
    es wäre doch besser, wenn diese internationalen Werbe-Idioten, die sich im Netz überall andocken und nicht mehr herausgefiltert werden, die Kommentarfunktion für einige Tage auszuschalten oder sie nicht sogleich zu schalten, damit die Spamferkel dort bleiben, wo sie herkommen. Auch wenn es wie Zensur ausschaut, sollte man es mal ausprobieren. Diese Deppen sind doch lästig.

  • Lisa  schreibt:

    Liebe Ines,
    Auch wenn sich das heutige Zitat mit Konfuzius und dem billigen Lob beschäftigt, kann ich Dir nur höchstes Lob für die ersten drei Folgen zum Dunkelgrafenpaar zollen. Du bist eine an der Thematik interessierte Persönlichkeit. Es wäre sinnvoller gewesen, wenn bestimmte Damen und Herren Wissenschaftler vor dem Wissenschaftsprojekt nachgedacht hätten, die Fakten waren bekanntlich vorhanden. Viele Leser warten auf weitere Folgen. Dank gebührt sicherlich auch der Südthüringer Rundschau.
    Herzlichst,
    Deine Lisa

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