Die Dunkelgräfin und Ludwig XVII.

Louis Charles, der Dauphin, mit seiner Schwester Marie Thérèse Charlotte de Bourbon. Gemälde von Ludwig Guttenbrunn (1750 – 1819), österreichischer Porträtmaler

„Es gibt zwei Arten von Weltgeschichte. Die eine ist die offizielle, verlogene, für den Schulunterricht bestimmte, die Geschichte ad usum Delphini. Die andere ist die geheime Geschichte, welche die wahren Ursachen der Ereignisse birgt, aber auch die Schändlichkeiten …“
Mit den Worten des großen französischen Romanciers Honoré de Balzac endet der Report 2008 des Ausstattungsbandes „Das große Geheimnis von Hildburghausen – Auf den Spuren der Dunkelgräfin“ von Helga Rühle v. Lilienstern und Hans-Jürgen Salier.
Das Zitat findet heutzutage mehr denn je seine Berechtigung, denn ich habe Zweifel, ob alle sogenannten Forscher und Akteure von Wissenschaftsprogrammen tatsächlich an der Lösung des Rätsels interessiert sind. Der Film des mdr aus dem Jahr 2007 „Die vertauschte Prinzessin“ oder das jüngste mdr-Wissenschaftsprojekt 2014 haben immerhin eine gewisse Einseitigkeit bestätigt. Vielleicht müssen wir uns auch mit der Zeit abfinden, dass es immer wieder Personen geben wird, die uns das Wissen um Madame Royale in Hildburghausen/Eishausen streitig machen. Dabei scheint es egal, wie viele Beweise, Fakten und Belege bisher zusammengetragen worden sind, die normalerweise in einem Indizienprozess vor jedem Gericht der Welt standhalten können. Es findet sich vermutlich auch immer wieder jemand, der mit haltlosen Argumenten versucht, das bisher bestehende Modell zu verwerfen. Doch wir, liebe Leser, brauchen uns in Zukunft nicht mehr davon beeinflussen zu lassen.
Bevor wir im nächsten und letzten Artikel zu einer ganz logischen Lösung finden, ist es mir noch wichtig, ein weiteres Mysterium kurz zu beleuchten. Es ist sogar mit dem unseren verwandt, und obwohl offenbar längst gelöst, wird es womöglich niemals seine beglaubigte Anerkennung finden.
Wir beschäftigen uns mit dem Bruder von Madame Royale, Louis Charles de Bourbon. Er wird als zweiter Sohn von König Ludwig XVI. und Marie Antoinette am 27. März 1785 geboren und ist durch den Tod seines älteren Bruders 1789 Dauphin geworden. Nach der Hinrichtung des Königs ist er berechtigter Thronfolger und damit Ludwig XVII. Gerade mal acht Jahre ist er alt, als er im Juli 1793 seiner Mutter im Temple entrissen wird. Ein Revolutionsrat übergibt ihn zur angeblichen Erziehung dem Jakobiner und Schuster Antoine Simon, der ihn im Stile eines revolutionären Kerkermeisters zu einem „guten Bürger“ ausbilden soll und will. Nach dem Sturz und der Hinrichtung Robespierres im Juli 1794 erhalten beide Königskinder Hafterleichterung. Aber im Temple findet man einen verwahrlosten und kränklichen Knaben vor, der schließlich am 8. Juni 1795 an Skrofulose (Haut- und Lymphknotenerkrankung bei Kindern, d. Verf.) im Alter von erst zehn Jahren stirbt. – So die offizielle Version der verlogenen Geschichte, an die sich von Anfang an lebhafte Zweifel legen. Immerhin sterben der berühmte Arzt Dr. Desault und sein vertrauter Freund und Apotheker Choppard kurz nach der Behandlung des Knaben auf mysteriöse Weise, denn sie kannten den Dauphin vom königlichen Hof. Unmittelbar nach dem Tod des Prinzen kursieren Gerüchte, dass er aus dem Temple längst entkommen und ein untergeschobener Junge gleichen Alters an seiner Stelle gestorben sei. Viel zu schnell wird er in einem Massengrab verscharrt. Zuvor schneidet der Arzt Philippe-Jean Pelletan, der den Jungen vorher nie gesehen hat, das Herz heraus und konserviert es in Alkohol. Selbst das französische Regierungsblatt „Mouiteur“ behandelt Ludwig XVII. noch viele Monate nach seinem angeblichen Tod als eine noch lebende Persönlichkeit. Gründliche Untersuchungen und Nachforschungen der Zusammenhänge haben im Laufe der Zeit mehr Beweise angehäuft, die dafür sprechen, dass der Prinz tatsächlich dem Gefängnis entronnen sei, auch wenn zunächst ungeklärt bleibt, was aus ihm geworden ist.
Mit dieser Angelegenheit beschäftigen sich später viele namhafte Schriftsteller und Journalisten. Paul Daehne berichtet in seinem Buch „Das Geheimnis der Dunkelgräfin“ (1933) von Gräfin dꞌ Adhémar, einer ehemaligen Palastdame der Königin Marie Antoinette, die in ihren Memoiren mit besonderem Nachdruck schreibt: „Ich bezeuge bei meiner Seele, dass der junge Ludwig XVII. nicht im Kerker gestorben ist. Cambacérès, der Mann der Revolution, weiß mehr darüber.“
Da ist Jean-Jacques Régis de Cambacérès, französischer Staatsmann, Rechtsgelehrter und Anwalt der verwaisten Königskinder, bei ihm tun die Bourbonen alles, um sich seines Schweigens sicher zu sein und lassen nach seinem Tod den ganzen Nachlass versiegeln.
Wer ist es nun, der am 19. Juni 1794 den kleinen Dauphin im Waschkorbe der Schustersfrau Marie Jeanne Simon heimlich aus dem Temple rettete? Witwe Simon starb am 10. Juni 1819 unerschrocken und furchtlos. Im Hospital Rue de Sévres, zwischen Invalidendom und Palais Luxembourg, beichtete sie den barmherzigen Schwestern: man habe einst ein stummes krankes Kind im Rumpfe eines Schaukelpferdes als Stellvertreter für den Dauphin in die dämmrige Kerkerzelle gebracht.
Das Geständnis ward lebhaft besprochen. Die Bourbonen waren wütend, glaubten aber den Fall mit ein paar Scherzen über die Kopie des trojanischen Rosses abtun zu können. Die Witwe sei verrückt. Doch die störrischen Barmherzigen Schwestern behaupteten aus Überzeugung: „Nein, sie ist nicht verrückt!“
Weiterhin schreibt Daehne über den General La Rochejaquelin, der am Sterbebett der Herzogin von Angoulême weilt, die ihm in den letzten Minuten zuflüstert: „Mein Bruder ist nicht im Temple gestorben; das ist der Alpdruck meines Lebens! Suchen Sie ihn auf! Frankreich wird nicht glücklich sein, solange er nicht den Thron seiner Väter einnimmt.“
Selbst eine Geheimklausel im Pariser Friedensvertrag vom 30. Mai 1814 deutet darauf hin, wie groß die Ungewissheit doch ist, ob nun der kleine Prinz tot sei oder nicht: „Wenn auch die hohen Vertragsmächte keine Gewissheit bezüglich des Todes Louis XVII. haben, erfordern doch die Lage Europas und die öffentlichen Interessen, dass sie, Ludwig-Stanislaus-Xaver, den Grafen von Provence, mit der Regierung in Frankreich betrauen. Sie behalten sich aber für die nächsten zwei Jahre das Recht vor, sich jede Gewissheit über die Tatsache zu verschaffen, die später entscheiden soll, wer der wahre Beherrscher von Frankreich sein soll.“ Spätestens hier dürfte klar sein, dass die thronlüsternen Gestalten seiner Verwandten nicht das geringste Interesse daran haben, den wahren Thronnachfolger wieder zum Leben zu erwecken.
Kurz nach dem angeblichen Tod Ludwigs XVII. im Temple spalten sich die Royalisten in Frankreich in zwei Gruppierungen in „Anhänger von Ludwig XVII.“ und „Anhänger von Ludwig XVIII.“ Die ersteren, die Königstreuen, viele von ihnen, selbst der hingerichtete König (seit September 1775), sind Freimaurer und gewähren der Prinzessin nach dem Verschwinden aus der Öffentlichkeit Schutz, bis sie schließlich im Herbst 1799 von Leonardus Cornelius van der Valck übernommen wird.
Natürlich weiß auch Marie Thérèse Charlotte, dass ihr Bruder noch lebt. Nach der Hafterleichterung im Temple darf sie in ihn trotz flehentlicher Bitten niemals besuchen. Als ihr kleiner Bruder stirbt, hätte man sie zur Identifizierung hinzuziehen können, denn wer wäre dazu besser in der Lage gewesen? Doch man tut es nicht! Die Besichtigung des kleinen Leichnams wird von vier angesehenen Ärzten und respektablen Chirurgen vorgenommen, die Herren Dumangin, Pelletan, Jeanroy und Lassus. Keiner hat den kleinen Prinzen je gesehen, geschweige untersucht. In ihrem Protokoll sagen sie ausdrücklich und in auffälliger Weise: „Sie hätten auf einem Bette die Leiche eines Kindes gefunden, was ihnen als ungefähr zehnjährig erschienen wäre, von welcher Leiche ihnen die Kommissäre gesagt hätten, daß sie die des Sohnes des verstorbenen Ludwig Capet [Ludwig Capet war der von den Revolutionären verbürgerlichte Name Königs Ludwigs XVI., d. Verf.] gewesen sei, und worin zwei von ihnen das Kind erkannt hätten, was ihn seit einigen Tagen behandelt.“
Das königliche Paar leben ihren Kindern immer vor, wie wichtig der Zusammenhalt in der Familie ist. Im Abschiedsbrief, den Marie Antoinette an ihre Schwägerin Madame Elisabeth kurz vor ihrer Hinrichtung schreibt, wird es sehr gut herübergebracht: „Möge mein Sohn hinwieder alle Fürsorge und alle Dienste erweisen, die sich aus der Freundschaft ergeben. Mögen sie endlich beide fühlen, dass sie in jeder Lage ihres Lebens nur durch Eintracht wirklich glücklich sein werden. Mögen sie sich uns zum Beispiel nehmen! Wie viel Tröstung hat uns unsere Freundschaft in unseren Leiden verschafft! Und das Glück genießt man doppelt, wenn man es mit einem Freunde teilen kann. Wo aber kann man einen zärtlicheren, innigeren Freund finden als in der eigenen Familie? Möge mein Sohn niemals die letzten Worte seines Vaters vergessen, die ich mit Vorbedacht wiederhole: Möge er niemals danach trachten, unseren Tod zu rächen! Ich liebe ihn …“
Marie Thérèse Charlotte befindet sich schon in dem Alter, es zu verstehen, allerdings der sieben Jahre jüngere Bruder ist dafür sicherlich noch zu klein. Nachdem wir Madame Royale nun kennen und ihr nur der kleine Bruder geblieben ist, wird sie noch viele Jahre ihres Lebens auf der Suche nach ihm gewesen sein, denn sie fühlt sich für ihn verantwortlich. Anfänglich gelingt es ihr, mit der Unterstützung der noch verbliebenen treuen Verbündeten ihres Vaters Informationen zu bekommen, später mit van der Valcks Beziehungen von höchster Stelle und immer in dem Netz der Freimaurer. Die Suche erweist sich jedoch als äußerst schwierig, denn gleich zu Anfang verliert man den kleinen König durch unglückliche Umstände aus den Augen, dann spürt man ihn wieder auf, aber das erweist sich als Irrtum. Erschwert wird die Suche außerdem durch das Gerücht vom entflohenen Prinzen aus dem Temple, denn Anfang des 18. Jahrhunderts geben sich viele Hochstapler als Ludwig XVII. aus. Mindestens dreißig sind überliefert, bei manchen Autoren geht die Schätzung sogar auf hundert. So mancher Abenteurer wird als Betrüger entlarvt und bekommt von der französischen Regierung den Prozess gemacht. Nur eine bemerkenswerte Ausnahme gibt es bei diesen vielen „falschen Ludwigs“, es ist der Uhrmacher Karl Wilhelm Naundorff, der seit 1810 ein bürgerliches Leben in Spandau/Berlin und später in Brandenburg führt. Das preußische Königshaus weiß sehr wohl, mit wem sie es bei diesem Bürger zu tun hat. Doch als König Ludwig XVIII. einen Infarkt bekommt und ein Jahr später Karl X. den Thron besteigt, wird der Uhrmacher zur Gefahr für sich selbst und die Sicherheit des Landes Preußen. Ein Vorwand ist schnell gefunden, und man sperrt ihn wegen des Verdachts auf Brandstiftung und danach wegen Geldfälschung ins Gefängnis. Bei letzterem erhält er erst nach zwei Jahren den Prozess, aber die Vorwürfe erweisen sich als haltlos. Auch der nächste Grund ist naheliegend, denn man will verhindern, dass er nach dem Tod seines Onkels nach Frankreich geht. Letztendlich wirft man ihm seinen falschen Namen vor und dichtet ihm eine Identität an, die wenig stichhaltig ist. So wird seine Schuld wahrscheinlicher. „Eine endlose Reihe von Gerichtsverhandlungen zieht an den Nerven Naundorffs. Von den beleidigenden Unterstellungen des Richters kommt sein königliches Blut in Wallung, und er schreit in den überfüllten Saal, er ist nicht das uneheliche Kind eines trunkenen Soldaten und einer Marketenderin und hat auch noch nie in den Armeen Napoleons gedient. Alles Lügen und der Richter weiß es. Nun würde er sagen, wer er ist. Er ist der Sohn des ermordeten König Ludwig XVI.! Dauphin Ludwig Charles, Herzog der Normandie und durch Gottes Gnade Erbe des französischen Throns! Schließlich erlaubt man ihn zu wählen: ꞌSchweigen oder weiterhin Gefängnis!ꞌ Daraufhin gibt der Prinz sein königliches Wort und würde schweigen. Er erhielt Gnade, wurde freigelassen und bekommt das Bürgerrecht von Grossen. Dort soll er sich niederlassen, denn in Brandenburg kann er nicht bleiben, wo jeder von seiner Verurteilung weiß.“ Seine Frau und die Kinder des rechtmäßigen Königs von Frankreich lernen, während er im Gefängnis sitzt, die bitterste Armut kennen, damit der Frieden zwischen Preußen und Frankreich gewahrt bleibt! Sicher ist auch van der Valck im Laufe der Zeit über viele Vorgehensweisen des eigentlichen Ludwigs XVII. informiert und unterstützt ihn vermutlich sogar finanziell über einen Anwalt in Berlin, aber er kann nichts riskieren, wenn er seine große Aufgabe, den Schutz der Dame, erfüllen will. Man kann zumindest davon ausgehen, dass die Prinzessin, wenn auch nur oberflächlich, über ihren Bruder stets auf den Laufenden gehalten wird, allerdings nur über die schönen Seiten seines Lebens. Beispielsweise gründet er mit einer Bürgerlichen Frau eine Familie, lebt nahe bei Berlin unter Obhut des preußischen Königs, führt dort sein eigenes Leben als Uhrmacher und hat inzwischen viele Kinder. Letztendlich kann van der Valck aber nicht wagen, sein eigenes Domizil aufs Spiel zu setzen und auch nur die kleinste Verbindung zu Hildburghausen/Eishausen heraufbeschwören. Wie das Leben so manchmal spielt, nicht alles lässt sich planen und entwickelt sich oftmals anders, als man denkt. Schließlich geht Naundorff erst im Jahr 1833 nach Frankreich, um sich als berechtigter Thronerbe auszuweisen, denn er glaubt, unter der Regierung von Louis Philippe I. kann er sich gefahrlos dahin begeben. In Paris wird er von mindestens noch zwanzig lebenden Ministern und Hofbeamten des hingerichteten Königs erkannt, vor allem von seiner Kinderfrau, Madame de Rambaud, als echter Ludwig XVII. identifiziert. Seine Kinderfrau gelobt mehrfach, sie habe den ihr damals anvertrauten Prinzen an bestimmten Zeichen, besonders an einem untrüglichen Muttermal und einer kleinen Narbe an der Lippe zweifelsfrei wiedererkannt. Die bourbonische Königsfamilie aber weigert sich, Naundorff zu prüfen, denn die Sache dürfte ihnen keinesfalls angenehm sein. Während seines Aufenthalts verübt man in Paris sogar zwei Anschläge auf ihn. Trotzdem drängt er darauf, dass auch ihm der Prozess gemacht wird, um die Berechtigung seiner Ansprüche zu beweisen. Doch sein Antrag wird trotz der Befürwortung hochangesehener Personen abgelehnt, und er muss schließlich Frankreich verlassen. Daraufhin sucht er den Kontakt zu seiner Schwester, der Herzogin von Angoulême. Von einer Vertauschung konnte er nichts wissen! Also reist er 1834 mit seiner Kinderfrau Madame de Rambaud zur Herzogin nach Prag. Sie empfängt ihn nicht und lässt beide sogar über die Polizei ausweisen. Als er sie im Jahr 1835 erneut aufsuchen will, diesmal kündigt er seinen Besuch vorher an, flüchtet die Herzogin sogar aus Pillnitz bei Dresden. Wie groß muss für ihn damals die Enttäuschung gewesen sein, sogar von der Schwester verleugnet zu werden. Anschließend geht er nach Holland, dort gelingt es ihm, seine Abstammung nachzuweisen, und er darf sich wenigstens Prinz de Bourbon nennen. Am 10. August 1845 stirbt er in Delft und auf seinem Grab steht: „Hier ruht Ludwig XVII. König von Frankreich“. Seine Nachkommen führen bis zum heutigen Tag den bourbonischen Titel.

Auch wenn Naundorff zwangsläufig durch unglückliche Umstände auf sich allein gestellt war, vielleicht sogar einige Zeit in Amerika gelebt hat, entgeht ihm das falsche Spiel seiner Verwandten nicht. Schließlich taucht er freiwillig in die Anonymität und Bürgerlichkeit ab, bis er 1833 erneut den Mut findet, sich auf seine Herkunft und seine Rechte zu besinnen. Sein Kampf allerdings bleibt vergeblich, denn auch bei Ludwig Philipp I. ist er unerwünscht. Wie anders wäre vielleicht die Weltgeschichte verlaufen, wenn 1815 anstatt des unfreundlichen Ludwigs XVIII. der wahre Thronerbe Ludwig XVII., der Nachfolger Napoleons, geworden wäre? Vielleicht hätten ihn der Zar Alexander, der König von Preußen und der österreichische Kaiser dabei unterstützt, aber nachdem er aus dem Temple verschwand, war er eine Zeit lang unauffindbar und zu viele Jahre auf sich allein gestellt. Man konnte ihn nur schwer einschätzen. Das Risiko war einfach zu groß. Niemand ist sich sicher, ob er überhaupt in der Lage wäre, den Thron Frankreichs würdig zu übernehmen. – So die inoffizielle Geschichte.
Fast hundert Jahre später, Anfang 1944, während des Zweiten Weltkrieges, wird die Nachricht bekannt, dass es Professor Edmond Locard in Lyon gelungen ist, einen sicheren Nachweis der Identität Karl Wilhelm Naundorffs mit dem angeblich im Juni 1795 im Temple verstorbenen König Ludwig XVII. zu erbringen. Locard ist zum Zeitpunkt Leiter einer polizeitechnischen Untersuchungsstelle, einer der bekanntesten und erfahrensten Kenner krimineller Untersuchungsmethoden. André Castelot, ein französischer Historiker und Schriftsteller, der sich viel mit den beiden Rätseln und dem französischen Königshaus beschäftigt hat, findet bei seinen Recherchen im Tagebuch von Marie Antoinette, das sie im Gefängnis führte und nach ihrem Tod zunächst Robespierre zugestellt wurde, eine Haarlocke des unglücklichen kleinen Dauphins. Diese legt Castelot zur vergleichenden Untersuchung Locard vor, denn er hat auch von dem 1845 in Delft verstorbenen Naundorff Haare beschafft.
1944 ist es allerdings noch schwer vorstellbar, wie man herausfinden will, dass die Haare eines etwa achtjährigen Knaben mit denen eines mit sechzig Jahren verstorbenen Mannes verglichen werden können, um nachzuweisen, dass es sich um dieselbe Person handelt. Auch ist es den Schrecken des Krieges geschuldet, dass man von solch einer Meldung kaum Notiz nimmt, denn die deutsche Geschichtswissenschaft hat die Echtheit Naundorffs stets bezweifelt und ihn zu den Betrügern gezählt. Das Gutachten Locards zum Ergebnis der Haaruntersuchungen besagt jedenfalls folgendes: „Die mir übergebenen neuen Haare, die von Louis XVII. herstammen, weisen eine außerordentlich seltene, sehr charakteristische Eigentümlichkeit auf: die in ihrer Marksubstanz enthaltender Kanal liegt ungewöhnlich deutlich exzentrisch. Dieselbe Besonderheit findet sich genau ebenso bei den von Naundorf stammenden Haaren … Die genannten, Feststellungen beweisen mit völliger Gewissheit, dass die beiden geprüften Haarlocken von der gleichen Person stammen …“
Im Jahr 2000 versucht man das Blatt wieder zu wenden. Bernd Brinkmann, Leiter des Münsteraner Instituts für Rechtsmedizin, vergleicht die DNA eines Kinderherzens, das man angeblich dem kränklichen Jungen nach seinem Tod im Temple herausgeschnitten hat. Jedenfalls weist die Erbsubstanz die gleichen Merkmale wie die von zwei lebenden Verwandten Marie Antoinettes, Anna von Rumänien und André de Bourbon Parme. Weil dieser DNA-Typ nur sehr selten vorkomme und vom belgischen Experten Jean-Jaques Cassiman betätigt wird, sei dies nun ein deutlicher Verwandtschaftsbeweis. Das kleine Herz bekommt eine Ehrennische in der Königsgruft der Basilika von Saint Denis, und Naundorff wird erneut als Betrüger bezichtigt.
Verschrumpelt, hart und trocken wie Leder liegt das kleine Herz in einer edlen Kristallurne. Schon die Art der Aufbewahrung gleicht eigentlich dem Herz des älteren Bruders, Louis Joseph, der 1789 mit sieben Jahren stirbt. Lange Zeit befand es sich in der Val-de-Grâce-Kirche ebenfalls in einer Urne, während der Leichnam in Saint Denis bestattet wurde. Eines Tages ist es aus der Kirche einfach verschwunden und bleibt über Jahrzehnte verschollen. Wir erinnern uns, bei dem kränklichen Jungen aus dem Temple handelt es sich um ein in Alkohol konserviertes Herz, aber hier scheint das nicht der Fall gewesen zu sein! So bleibt nur zu hoffen, dass sich das Herz des älteren Prinzen wiedergefunden hat und endlich in Saint Denis vereint in der Nähe der dazugehörenden Gebeine seine Ruhe findet.
Im März 2014 veröffentlichen Gerard Lucotte, Genetiker und Anthropologe, und der französische Historiker Bruno Roy-Henry eine neue Studie. Es sind die Ergebnisse einer neuen DNA-Analyse auf Marker des Y-Chromosoms von Hugues de Bourbon, einem Nachkommen Naundorffs, mit einem haploiden Genotyp aus dem Hause der Bourbonen. Beide Forscher kommen zu dem Ergebnis, dass Naundorff Teil der Familie der Bourbonen ist.
In einer zweiten Expertise verkündet Lucotte am 28. Juli 2014, übrigens genau am selben Tag flimmert das Wissenschaftsprojekt des mdr über den Bildschirm, dass das Haar von Naundorff durch einen Abgleich mit dem genetischen Material der Anna von Rumänien die Zugehörigkeit zu den Habsburgern zweifelsfrei bestätigt.
Hugues de Bourbon, von dem die DNA stammt, starb bereits im Jahr 2008. Sein Sohn Charles Louis Edmond de Bourbon erhebt keinen Anspruch mehr auf den Thron von Frankreich und sagt: „Ich will ganz normal leben, wie ich es tue. Ich stimmte diesen Analysen aus Interesse an der Geschichte zu, um zu helfen, ein großes Rätsel zu lösen, mehr nicht.“
Auf der französischen Internetseite Wikipedia über Karl Wilhelm Naundorff berichtet man einige Monate über die neuesten Forschungsergebnisse, dann werden sie wieder gelöscht. Selbst wenn der Anspruch auf den französischen Thron heute nur noch einen symbolischen Wert besitzt, sind neben der historischen Wahrheit die Anstrengungen und Leidenschaften angesichts der wirtschaftlichen Interessen nach wie vor außergewöhnlich hoch und die Geschichte ad usum Delphini bleibt bestehen. Wie viele wissenschaftliche Beweise will man noch erwarten?
Beruht die Wissenschaft eigentlich nicht auf der Gesamtheit von Erkenntnissen und Erfahrungen? Nur scheinen dabei die psychoanalytischen Aspekte auf der Strecke zu bleiben, dabei sind sie mindestens genauso wichtig, denn sie bilden die Grundlage für einen letztendlich wissenschaftlichen Beweis. Vielleicht hätte man sich mehr mit der Psyche, dem Denken, den Gefühlen und dem sich daraus ergebenden Handeln der Geheimnisvollen beschäftigen müssen. Dann wäre man spätestens bei der forensischen Gesichtsrekonstruktion darauf gekommen, dass hier etwas nicht stimmen kann.
Also längst nicht nur die Wissenschaft allein ist in der Lage, die zur Klärung und Lösung eines Mythos führen, sondern es benötigt auch ein wenig Menschenkenntnis, um sich in die Hauptpersonen hineinzuversetzen und ihr Verhalten zu verstehen.
Das, liebe Freunde und Interessierte des Themas „Dunkelgräfin“, habe ich versucht, in meinen Beiträgen zu vermitteln, ob es mir gelungen ist, vermag ich nicht einzuschätzen. Wenn auch meine Ausführungen manchmal etwas Romanhaftes, aber niemals Märchenhaftes an sich haben, denn dafür ist die Sache zu ernst, sollen sie nur dem besseren Verständnis dienen. In meinem nächsten und letzten Artikel werden wir auf jeden Fall zur Lösung kommen, vielleicht ahnen es manche schon.

Ines Schwamm, Hildburghausen