Die Dunkelgräfin – Wesen und Verhältnis zum Grafen

Folge 4

Schloss Eishausen 1845

Nachdem ich im letzten Beitrag von den Hintergründen berichtet habe, die zum einsamen Leben führten, ist es wichtig mehr über den Charakter der Dame und ihre Beziehung zum Grafen zu erfahren. Immerhin bildet diese die Hauptfigur in unserem mysteriösen Geheimnis.
Aus der Kindheit ist über die Prinzessin noch einiges überliefert. So erwähnt die Erzieherin der Königskinder Madame de Tourzel in ihren Memoiren die enge Beziehung des Vaters zu seiner Tochter: „Der König hatte für sie eine ganz besondere Vorliebe und ließ keine Gelegenheit aus, um die Zärtlichkeit erkennen zu geben, die er für sie spürte.“ Zu ihrer Untergouvernante Marie-Angélique de Mackau (1723-1801) pflegt Marie Thérèse ein sehr inniges Verhältnis und nennt sie liebevoll „Maman Mackau“. Baronin Oberkirch, Freundin der Erzieherin, trifft bei ihren Besuchen die Königstochter häufig und beschreibt sie als „Wunder an Schönheit, Geist, frühreifer Würde. Madame Royale ist so schön und voll von bewundernswerten Neigungen. Sie verspricht so viel Glück, Intelligenz und Charakter! Ah, was für eine Prinzessin sie werden wird.“ Von den meisten Zeitgenossen wird sie „als sehr sanft, sensibel, leicht melancholisch beschrieben. Sie sei immer etwas ernst und nachdenklich und spiele wenig.“ Im Allgemeinen aber gilt sie als liebenswürdig und anhänglich. Als Marie Thérèse in den letzten Monaten der Gefangenschaft die Gesellschaftsdame Hilaire Canterenne an ihre Seite bekommt, entwickelt sich daraus bald ein enges freundschaftliches Verhältnis, und die Prinzessin vertraut ihr sogar vor der Abreise das von ihr im Temple geschriebene Tagebuch an. Madame de Chanterenne hat von der damaligen Regierung in Paris, dem Komitee, den Auftrag erhalten, sie soll die Prinzessin auf ihr künftiges Leben vorbereiten und schreibt über sie an das Komitee folgenden Bericht: „… vom ersten Augenblick an schmeichle ich mir, Erfolg mit meiner Fürsorge zu haben; jetzt wage ich zu versichern, dass dieser (Auftrag d. Verf.) meine Hoffnungen übertrifft; ich verdanke dies dem glücklichen Naturell meiner Gefährtin; ich kann es nur unterstützen, um es zu loben, die schätzenswertesten Tugenden haben ihr Alter überflügelt. Die liebenswürdigen Eigenschaften und Talente brauchen nur entwickelt und ausgeübt zu werden. Sie vereinigt mit einer rührenden Sensibilität des Herzens die Festigkeit und Tatkraft der Seele; eine sanfte und freimütige Höflichkeit, sogar Fröhlichkeit, haben die Stelle des ernsten und gezwungenen äußeren Wesens eingenommen, das sie gewöhnlich hatte … ihre Gesundheit ist vollkommen, seit sie mehr körperliche Bewegung hat und ihre Gedanken sie weniger auf traurige Dinge bringen.“
Später, in Hildburghausen/Eishausen ist über die Dame im Gegensatz zum Grafen nur sehr wenig bekannt. Sie ist überaus ängstlich und schreckhaft, sein, was sich durchaus auf ihre traumatischen Erlebnisse zurückführen lässt. Frau Radefeld hört sie häufig weinen. Kühner beschreibt: „ …eine leise Schwermut schien mir eine ursprünglich lebensfrische Natur zu umhüllen.“ Und ist der Ansicht: „… so habe man an allem gesehen, dass sie die Vornehme sei: der ꞌgnädige Herrꞌ habe ordentlich wie ihr Untergebener ausgesehen.“ Letzteres bestätigen auch mehrfach Dienstpersonal und andere Personen. Eine besondere Vorliebe aber hat sie zu Tieren. Mit dem Dunkelgrafen besucht sie gern bei Spaziergängen die Schafe auf der benachbarten Weide oder füttert Vögel, Katzen und Hunde. Sie mag die Musik, spielt in den ersten Jahren im Schloss selbst Klavier oder Drehorgel und singt im zunehmendem Alter melancholische Weisen.
In der deutschen Literatur erfährt man nicht viel über die Dame in der Abgeschiedenheit, dabei wäre gerade diese Zeit äußerst interessant. So beziehe ich mich auf die flämische Schriftstellerin Maria de Lannoy, die 1959/60 in ihrer Trilogie „Madame Royale – De prinses in de Schaduw“ das Leben der Prinzessin sehr wahrheitsgetreu nachzeichnet. Es sind angeblich die Memoiren der Madame Royale, basierend auf einem mehr als hundert Jahre alten Manuskript. Ein sonderbarer Onkel übergibt es ihren Eltern mit der Anweisung, es erst hundert Jahre nach dem Tod der Herzogin von Angoulême zu veröffentlichen. Und das tut sie!
Nachdem das Paar auf dem Schloss zu Eishausen eine dauerhafte Bleibe findet, schreibt die Dame in dem Buch folgendes:

Eishausen, 22. Oktober 1810
Es regnet. Den ganzen Morgen Regen. Ich bin nicht in der Lage, in den Garten zu gehen. Wie langsam doch die Stunden verrinnen. Und wie einsam und ruhig es hier ohne meinen guten Grafen Vavel ist. Ein Ehepaar sind wir nicht, aber es gibt eine wachsende Vertrautheit zwischen uns, die mein Leben wertvoller macht. Ich kann nicht mehr erwarten, und ich will es auch nicht. Meine Heiterkeit habe ich in den Palästen, in denen ich lebte, für immer verloren. Meine kindliche Unbekümmertheit blieb in Trianon, und den Rest ließ ich in Versailles. In den Tuilerien habe ich die Schrecken und die Demütigungen manchmal beim Spielen vergessen können, aber meine Maman-Reine brachte mir schlagartig den Teil der allgegenwärtigen Gefahr in mein Bewusstsein zurück. Liebe Maman! Arme Königin! Wenn wir als Kinder in ihr Zimmer traten, zeigte sie stets ihr freundlichstes Lächeln. Sie tat ihr Bestes, um ihre Sorgen vor uns Kindern zu verbergen. Doch ich fühlte mehr, wenn ich sie sah. Hinter ihrem liebevollen Lächeln fühlte ich Aufruhr und Trauer.
In den Tuilerien ließ ich mein Kinderglück zurück. Als wir von dort weggebracht wurden, war alles vorbei. Ich habe die ersten Tage nicht einmal daran geglaubt, dass Mamans Freundinnen, unsere Gouvernante sowie einige Kammerfrauen und Diener, uns in die Gefangenschaft folgen dürfen. Ich begann zu verstehen, dass sie uns verlassen müssen, denn die Gefängniswärter nahmen uns dort den letzten Stolz und die Würde.
Meine Eltern und unsere Tante, Madame Elisabeth, gaben sich viel Mühe, um es uns in der Bedrängnis so leicht wie möglich zu machen. Beinahe vierzehn Jahre war ich alt und verstand schon eine ganze Menge. Ich sah die drohenden wilden Blicke einiger Wachen und hörte die Schreie des Hasses hinter den Mauern unseres Gefängnisses. Jeden Morgen bemerkte ich trotz sorgfältig aufgetragenem Puder die rotgeweinten Augen meiner Mutter. Ich sah viele vertraute Menschen fortgehen, einer nach dem anderen. Sie kehrten nicht zurück, denn sie fürchteten um ihr Leben. Als Mädchen mit fünfzehn Jahren war ich allein, allein mit meinen Erinnerungen und Wünschen, allein mit meiner Trauer und Verzweiflung. Alle meine Lieben hatten etwas von meiner Hoffnung mitgenommen, bis es keine mehr gab. Ich wusste, ich würde nie wieder jemanden von ihnen treffen. So war es das Einzige, das ich mir wünschen konnte, die Erlaubnis zu haben, in einem ruhigen, abgelegenen Haus im Schatten hoher Bäume und einem Garten mit Blumen und frei fliegenden Vögeln mit etwas Sonne zwischen den Blumenbeeten, zu leben.
Aber ein Fremder ist mein einziger Freund: Graf Vavel de Versay, mein lieber Ludwig! Er schenkte mir das Haus der Ruhe, das ich mir immer gewünscht habe. Und noch mehr. Er schenkte mir seine ganze Persönlichkeit, seine Hingabe und Loyalität, aber auch den Schutz seiner starken Arme. Er war ein Ritter ohne Furcht und Tadel. Doch das Beste, was er mir gab, war immer noch sein gutes, vertrautes Gesicht. Ich weiß, ich kann mich absolut auf ihn verlassen, auch gerade jetzt in der Zeit, wo er nicht hier ist. Das geschieht auch nur, wenn er in meinem Interesse verreist. Wie ich ihn dann vermisse! Wir haben nicht viel miteinander zu bereden, doch seine Präsenz ist für mich sehr wichtig. Wenn wir einander gegenüber sitzen und er in seine für mich schwer verständlichen historischen oder akademischen Forschungen vertieft, dann ist alles in Ordnung. Es kann auch sehr ruhig sein, aber es ist nie diese fesselnde und angstmachende Einsamkeit. Nur wer lange Zeit eingesperrt war, wird verstehen, wie grausam Einsamkeit sein kann. Wenn ich daran denke, muss ich das durchdringende Schweigen verjagen. Musik könnte ich an einem Tag wie heute nicht ertragen, auch Singen nicht.
Ich glaube, der Regen kommt als Bote des Unheils. So regnete es, als sie kamen, um Tante Elisabeth zu holen. Es regnete am nächsten Tag, als ich auf sie wartete und sie nicht wieder kam. Die Einsamkeit und der Regen, das ist der Temple, das Gefängnis unserer Familie und vieler Vertrauter! Aber ich will nicht wieder in den Bann der schrecklichen Ereignisse geraten. Ich muss mich losreißen und flüchten, weit weg von der Vergangenheit, von den Tuilerien, von Versailles, von Trianon …
Wäre Vavel jetzt hier, würde ich ihm von der Vergangenheit erzählen, bevor mich meine Gedanken und Sorgen wieder nach unten ziehen. Er hört mir geduldig zu, liebe- und verständnisvoll. Dabei sieht er mich beinahe wie Ami an, wenn sich mein Hund mit seinem schönen Kopf auf meine Knie legt und ich ihn streichele.
Es ist wirklich eine Schande: Entschuldige Graf Vavel, mein einziger Beschützer, der du meinem ganzen Leben die Ruhe und Sicherheit gibst, mir deinen ganzen Reichtum zur Verfügung stellst: Ich vergleiche dich mit meinem Hund. Mein Ami ist ein außergewöhnliches Tier: lieb, treu und klug. Wie viele Menschen wären es denn wert, mit ihm verglichen zu werden? Beide, Ami und auch Vavel, würden für mich, wenn nötig, ihr Leben geben. Das weiß ich. Ein würdiger Vergleich wäre vielleicht mit Graf Hans Axel von Fersen angebracht, er war ohne Berechnung, ohne Hoffnung auf ein Vermögen. Seine Sicherheit und sein Prestige-Schleier galten nur der Rettung meiner Mutter. Auch für sie war ein Fremder gekommen, um alles zu wagen und sein Leben einzusetzen. In ihrer Glanzzeit, als Prinzessin und als Königin, hatte Marie Antoinette keinen Mangel an Freunden. Die meisten französischen Adligen buhlten um ihre Gunst und hielten Fürbitte. Als sich ihr Schicksal drehte und sie nichts mehr zu geben hatte, wurde den meisten der Boden in Versailles und Paris in der Nähe der Königin unter den Füßen zu heiß. Doch der schwedische Staatsmann von Fersen war immer für sie da. Dass er sie nicht retten konnte, war sicher nicht seine Schuld. Was wurde meine Mutter für diese Liebe ohne alle Aussichten diffamiert! Also werde ich auch verteufelt werden oder vielleicht Vavel? Hat man nicht bereits erzählt, dass er mich hier einsperrt, rein aus Eifersucht? Dass er wie ein orientalischer Pascha, nicht will, wenn andere Männeraugen mein Gesicht sehen? Lieber, guter Vavel! Er lächelt darüber, und er duldet es. Er duldet alles, außer, dass mir jemand zu nahe kommt. Er kann wütend werden, wenn man mich erschreckt und danach seine Forderung energisch durchsetzen. Dann ist er ein anderer Mensch, nicht mehr der sanfte Kerl, der meine Einsamkeit erträglich macht, der rettende Engel, der meine Hand hält, wenn alles um mich herum zusammenbricht. Ich frage mich oft, ob ich jemals in der Lage sein werde, ihm ein bisschen von allem zurückzugeben, was er mir gegeben hat. Ich, die nichts mehr besitzt von all den Schätzen, zwischen denen ich aufgewachsen bin. Mehr noch, ich kann keine Liebe mehr geben, nach den törichten Jungfrauen habe ich das Öl schon einmal verschwendet. Mein Herz ist leer gebrannt wie eine Lampe, die nie wieder aufgefüllt werden kann. Vavel weiß das, aber das ändert nichts an seiner Liebe und Verehrung. Mit ebenso wenig Erwartung hatte Axel von Fersen meiner Mutter gedient, aber sie war Königin. Er kam in ihrer glanzvollen Zeit und lernte sie kennen und lieben. Vavel fand mich wie ein armer verfolgter Hund, irgendwo kauernd in einer Ecke, wartend auf die Schlacht, die letzte, die tödliche. Er verhinderte, dass ich fiel. Doch zu welchem Preis? Dass ich jetzt noch als Prinzessin leben kann, eine Prinzessin im Schatten, aber immerhin eine Prinzessin. Das verdanke ich ihm!
Jahre sind wir von Haus zu Haus gezogen, bis er dieses sichere Zuhause für mich fand, endlich, fernab von der Heimat und vom Verkehr, anscheinend von allen vergessen. Es ist kein Versailles, sondern ein Haus voller Ruhe und Frieden, mit einem Garten und einem Park, wo die Vögel singen und die Tiere leben. Ich brauche frische Luft, viel frische Luft, die ich atmen und in der ich mich bewegen kann. Es ist wirklich das Haus, wovon ich so oft in meiner Gefangenschaft geträumt habe, denn inmitten des königlichen Prunks meiner Kindheit würde ich nicht mehr leben wollen und nicht mehr leben können. In jedem der Spiegel würde mich die Leere, die alle meine Lieben hinterlassen haben, anschauen. Es klafft eine Lücke, die nie gefüllt werden kann. So ist es gut. Das Haus hat keine Vergangenheit und keine Zukunft für mich. Hier kann ich die wertvolle Ruhe genießen, die das Leben trotz allem immer noch zu bieten hat: Sonne, Wind und Schnee, Bäume, Blumen und Vögel, einen gemütlich beheizten Raum mit Musik und Büchern, doch das Kostbarste von allem ist die unbegrenzte und unbestechliche Freundschaft.
Die Freundschaft von Vavel! Ich wage fast nicht zu zeigen oder zu sagen, wenn ich mir etwas wünsche, denn ein paar Tage später finde ich es in meinem Zimmer. Und er weiß, dass er nie, niemals belohnt werden wird. Ich bin ärmer als die ärmste Emigrantin, eine ausgeführte Exil-Waise. Selbst meine Eltern wurden ihrer Kleidung beraubt. Für ein sauberes Hemd, das meine Mutter, die Königin von Frankreich, zum Sterben haben wollte, musste sie fragen, ob sie eins bekommen könnte. Man ließ es zu, und sie bedankte sich, weil es ihr nicht gehörte. So habe ich auch keine innere Stimme in meinem Körper, die ich rufen kann. Alles bekomme ich von Vavel, sogar ein paar Andenken an meine Mutter.
Ist es nicht ein Hohn, dass Dutzende von Hemden meiner Mutter, Hemden aus feinstem Leinen und mit Lilien bestickt, erst von Hand zu Hand gingen, bevor ich sie erhalten habe? Keiner von ihnen mochte sie behalten, und ich werde sie nie tragen. Aber ich bin glücklich, dass ich sie besitze und vor allem froh, dass einige verlassene Freunde durch den Erwerb so vieler gestohlener Erinnerungen, ihre Treue bewiesen. Es war vielleicht auch der einzig mögliche Weg. Sie wissen, dass mich ihre kostbaren Geschenke erreichen, obwohl sie nicht meine Zuflucht kennen. Die Gefahr ist noch nicht vorbei und wird vielleicht auch nie verschwinden. Es ist denjenigen, die die Macht haben, nicht genug, dass sie die Eltern töteten, nun sollen die Kinder als Schachfiguren im politischen Spiel sowohl von der einen wie auch von der anderen Partei benutzt werden. Daher werden sie immer noch wie edles Wild von großem Wert gejagt … für sie.
Nein, Vavel wird nicht gewinnen, weil er mich in seine Obhut nahm, vielleicht eine Menge genau wie Graf Fersen verlieren. Doch mein großer Freund will nichts davon hören, er wünscht sich nichts zurück. Ich muss einfach ruhig und glücklich in seiner Nähe sein und natürlich versuchen, die grausame, hässliche Erfahrung, die ich durchgemacht habe, zu vergessen. Dann ist er genug belohnt, versichert er. Aber wie kann ich das vergessen?
Vielleicht fällt es mir leichter und wäre auch ein angenehmer Zeitvertreib, wenn ich alles aufschreibe, woran ich mich erinnern kann. In den letzten Monaten meiner Gefangenschaft habe ich im Auftrag meines Onkels, meine Erinnerungen an unsere Erlebnisse im Temple aufgeschrieben. Es war ein übereilter und wenig darstellender Bericht geworden. Meine Gefühle kamen nicht einmal zu Wort, jede Seite wurde mit meinen Tränen bedeckt. Ich wagte nicht, das Manuskript mitzunehmen, da ich nicht wusste, ob nicht mein Körper einer Kontrolle unterzogen wird, wenn ich das Gefängnis verlasse. Und was hätte ich mit den Erinnerungen tun sollen, da für mich bereits feststand, aus der Öffentlichkeit zu verschwinden. Für immer?
Die Zeit wird kommen und die ganze Welt erfahren, wie das französische Volk seinen König und seine Königin behandelte. Aber jetzt … Meine guten und würdigen Eltern drängten in der Tat in mein Herz, nicht unseren schlimmsten Feind zu hassen. So schwierig es manchmal war, doch mein Vater, meine Mutter und meine Tante bestiegen das Schafott mit dem Wunsch, keine Rachegedanken zu hegen. Was kann ich also anderes tun, als mich dem zu beugen und mir diesen Wunsch anzunehmen? Ich mag nicht an den Tag denken, als mein Vater geholt wurde, um nie wieder zurückzukehren … am Abend, als mein kleiner Bruder zu mir kam. Er war damals schon im Bett und schlief. Wie sehr hat er geschrien, bis Maman ihn in die Arme nahm! Und wie sehr hat Maman in dieser Nacht geweint! Später wurde sie selbst geholt, danach Tante Elisabeth. Ich blieb allein, Tage, Wochen, Monate … darauf wartend, bis auch sie mich holen kommen. Mit welchem Ziel?
Nein, nein, ich kann unmöglich wieder dorthin zurück, nie wieder! Es wäre zu schrecklich! Immer wieder muss ich dann an das Grölen der Mörder denken, als sie uns mit Gewalt den abgetrennten Kopf der reizenden Prinzessin Lamballe gezeigt haben. Nein, nein, jetzt bin ich hier nicht ganz allein, wenn der Regen so stark gegen die Fenster schlägt. Hier kann ich besser darüber schreiben. Wenn ich in das vertraute Gesicht meines Freundes Vavel sehe, kann ich auch wieder zu mir selbst finden. Das ist alles vorbei. Ich kann jetzt an etwas anderes denken, an etwas Schönes und Lustiges, an die Zeit, als ich noch ein glückliches Kind war. An Versailles möchte ich denken, an Trianon, als wir in der Sonne spielten und uns Maman-Reine oft lächelnd mit ausgebreiteten Armen aufgefangen hat … unsere schöne Maman in ihren hellen, weißen Kleidern und einer einzigen frisch gepflückten Rose an ihrem Mieder. In diesem Licht fand ich ihre einfachen Musselin-Kleider viel schöner als ihre wertvollsten Toiletten aus Samt und Seide. Es gab oft Beschwerden, dass die vielen Missstände, die man meiner lieben Mutter anlastete, durch das Tragen dieser kostbaren Gewänder hervorgerufen wurden. Musselin, Tüll und Gaze-Gewebe kamen wahrscheinlich alle aus dem Ausland. Hatte die Königin einmal diese Stoffe getragen, wollten sie alle Damen haben, und die Hersteller aus Lyon und Marseille blieben auf ihren schweren Samt und der Seide sitzen. Die Fabrikanten wollten sich nicht anpassen, indem sie versuchten, selbst so feine und luftige Stoffe auf den Markt zu bringen. Sie machten eine Offensive gegen die exotische Gefahr und finanzierten eine Hetzkampagne gegen „die Österreicherin“, die den Wohlstand des Landes angeblich gefährdete. Die von Selbstsucht angetriebenen Seidenfabrikanten waren leider nicht die einzigen, die eine unauslöschliche Blutschuld auf sich geladen haben.
Aber ich möchte jetzt nicht darüber nachdenken. Alle meine Erinnerungen will ich so aufschreiben, dass sie schön, charmant und sonnig sind. Erinnerungen für meinen guten Freund, für später. Das ist das einzige, was ich ihm geben kann. Meine Erinnerungen kann mir keiner nehmen. Ich weiß, es wird ihn später vielleicht trösten, wenn er auch einsam ist und diese Schrift findet. Er wird fühlen, dass ich immer noch in seiner Nähe bin …
Kann man eigentlich die Beziehung des Paares zueinander besser darstellen? Und wenn, muss man sich doch sehr in das Wesen der Dame hineinversetzen, was fast unmöglich scheint, oder es bedarf tatsächlich einer wirklich ausgezeichneten Vorlage, am Besten von der Person selbst.
In ihrer Einleitung erklärt Maria de Lannoy: „Die Memoiren der Frau sind in einer kleinen, feinen, aber unregelmäßigen Handschrift, der begleitende Text hat sehr schöne, energische, maskuline Schriftzüge und wurde durch weitere Brief- oder Tagebuchformen ergänzt. Das Papier und das Futteral stammen aus der Zeit des Wechsels vom 18. zum 19. Jahrhundert.“
Zwar ist es ein Roman, aber letztendlich so beeindruckend und überzeugend, dass sich der Dunkelgrafenforscher Marc de Lannoy nach dem Originalmanuskript erkundigt hat. Der Sohn des Callenbach-Verlags bestätigt Ende der fünfziger Jahre eine Kiste aus Palisander, in der sich das Skript befand, gesehen zu haben. Leider gerät es durch „unangenehme Familienangelegenheiten“ der Autorin nach England und ist seitdem verschollen. Wie so vieles, was mit diesem Schicksal im Zusammenhang steht!
Dass zwischen dem Paar kein intimes Liebesverhältnis bestand, ist offensichtlich und das bestätigt auch van der Valck nach dem Tod der Dame in mehren Briefen an Witwe Kühner „Sie war eine arme Waise, die alles, was sie besaß, mir verdankte, aber mir das tausendfach vergolten hat… Meine Verbindung mit ihr hatte etwas Romantisches, einer Entführung Ähnliches … Meine Lage wird immer unerträglicher; es ist keine getrennte Ehe; es ist eine Zerreißung eines zusammengewachsenen Geschwisterpaares, das eine kann nicht ohne das andere fortleben.“
Auch in dem Geburtstagsbrief der Dame an den Grafen vom 22. September 1808, „… Lieber guter Ludwig, es sind schon so viele Geburtstage, die ich bei dir erlebe, ach lieber guter Ludwig, der Himmel segne dich für alles, was du schon an mir getan hast …dein arme Sophie …“, da kommt genau diese emotionale Dankbarkeit zum Ausdruck, die sich später in tiefe geschwisterliche Zuneigung entwickeln wird. Bemerkenswerterweise sind die Pseudonyme der Vornamen, Ludwig und Sophie, mit den ersten Vornamen der jüngeren Geschwister von Madame Royale, nämlich Ludwig Carl und Sophie Hélène Béatrice wie zum Nachweis auch noch identisch.
Selbst wenn aus verzweifelter Notwendigkeit Leonardus Cornelius van der Valck die Dame im Herbst 1799 durch einen Auftrag von höchster Stelle anvertraut bekommt, bildet sich im Laufe der Jahre ein starkes Gefühl tiefer und inniger Verbundenheit und nur mit einer Geschwisterliebe vergleichbar!

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