Dunkelgräfin, dem bisherigen Modell angepasst

Folge 1

Madame Royale im Temple

Ein mysteriöses Geheimnis verlangt vielleicht auch eine mysteriöse Aufklärung. Ähnlich wie in einem Kriminalfall werden Fakten und Daten zusammengetragen und gesammelt, Geschehnisse analysiert, die Wahrheit von der Unwahrheit getrennt. Man schafft ein gedankliches Modell, das das Ereignis abbildet und das Geschehene nachvollziehbar machen lässt. Häufig beruht ein solches Modell auf Vermutungen und ist je nach Einzelfall zu verifizieren oder falsifizieren, wobei im Letzteren das Modell anzupassen oder gar zu verwerfen ist.
Seit dem Wissenschaftsprojekt der Exhumierung der Dunkelgräfin, das in der Dokumentation „Die Dunkelgräfin von Hildburghausen“ im mdr-Fernsehen am 28.07.2014 für einige Hildburghäuser einen enttäuschenden Ausklang fand, ist es still geworden. Aber die Recherchen laufen im Hintergrund weiter, zumindest bei denjenigen, die nach wie vor der Überzeugung sind, bei der Dunkelgräfin handelt es sich um niemand anders als Marie Thérèse Charlotte de Bourbon, um die Madame Royale, die Tochter des guillotinierten Königs Ludwig XVI. und dessen Gemahlin Marie Antoinette, Erzherzogin von Österreich.
Andere wiederum finden sich mit dem Ergebnis ab und glauben, auf dem Schulersberg wurde die Dunkelgräfin bestattet. Nun braucht es nur noch eine passende DNA zum Vergleich, denn die gefundene ist so außergewöhnlich, dass es mindestens zwei Jahre dauern wird, um den Leichnam zu identifizieren. Also Fehlanzeige! Der Termin ist abgelaufen.
Der einfältigste Satz ist nach meiner Meinung, den manche Befürworter der Exhumierung nach der Veröffentlichung des Films von sich geben, um vermutlich auch sich selbst zu trösten: „Wir haben zwar keine französische Prinzessin, doch Hildburghausen hat immer noch die Dunkelgräfin.“
Fakt ist nach der DNA-Untersuchung des mdr, dass die Frau, die im Grab liegt, nicht Marie Thérèse de Bourbon ist. Fakt ist aber auch, dass damit nicht zwangsläufig die Frau im Grab mit der Frau identisch ist, die als „Dunkelgräfin“ seit 1807 in Hildburghausen/Eishausen gelebt hat.
Das Geheimnis wurde also nicht gelüftet, und das Ergebnis wird von den Machern und Helfern des sogen. Wissenschaftsprojekts fehlerhaft interpretiert. Das Grab auf dem Schulersberg gilt zwar bis Sommer 2014 als offizieller Abschluss eines mysteriösen Schicksals, doch das interdisziplinäre Wissenschaftsprojekt bringt kein zweifelsfreies Ergebnis, aber einen weiteren wichtigen Baustein in der fast 200-jährigen Geschichte der Dunkelgrafenforschung.
So muss also das bisher bestehende, gedankliche Modell nicht verworfen, sondern nur den sich neu ergebenden Tatsachen angepasst werden!
In meinen weiteren Ausführungen, die ich nicht nur in einem Artikel kommentieren kann, denn mir liegt sehr viel daran, es möglichst den Lesern verständlich zu machen. Daher werde ich mich im Laufe der nächsten Wochen durch Ausschöpfung der zur Verfügung stehenden Daten auf einen logischen Abgleich von Überlieferungen, Fakten und Indizien berufen, wobei ich mich besonders auf die Ausgangslage der geheimnisvollen Geschichte beziehen will.
Mir fällt es einfach schwer zu glauben, dass sich teils international bedeutende Persönlichkeiten bei der Lösung des Geheimnisses solchen Irrungen und Wirrungen ausgesetzt haben. Sämtliche logische Schlussfolgerungen werden mit einem Handstrich durch das mdr-Projekt zunichte gemacht.
Zweifel an der Analyse der sterblichen Überreste der Dunkelgräfin sind nicht nur genetisch, sondern auch anthropologisch durchaus berechtigt.
Kurz nach der Veröffentlichung des Films schrieb mir die bekannte Historikerin und Buchautorin Carolin Philipps, die mit „Die Dunkelgräfin – Das Geheimnis um die Tochter Marie Antoinettes“ (Piper Verlag, München und Zürich, 2012) ein kenntnisreich und geistreiches Werk verfasste: „Für mich wird die Geschichte jetzt noch einmal richtig spannend. Als das Gesicht der Frau aus dem Grab, das die Anthropologin aus dem Schädel wiederhergestellt hat, über den Bildschirm flimmerte, wurde mir klar, dass da etwas nicht stimmen konnte.“
„Die Dunkelgräfin hat ein Gesicht“ lautet eine der unzähligen Schlagzeilen Anfang August 2014 in unseren Regionalzeitungen. Das Gesicht, derb, fast klobig, zeigt weit auseinander stehende Wangenknochen, ein abgeflachtes Kinn, eine gedrungene Nase und kann nicht mit dem übereinstimmen, was eigentlich überliefert ist. Schönheit ist sicher eine Frage des Geschmacks. Ich jedenfalls habe sie mir anders vorgestellt. Man sucht vergeblich eine Spur, ja nur einen Hauch von Ähnlichkeit mit Königin Marie Antoinette. Man sagte immer, dass ihre Schönheit auch die ihrer Tochter war. Sicher gibt es nicht viele Augenzeugen, schließlich hielt der Dunkelgraf die Dame fast ständig im Verborgenen. Aber es gibt sie, und man kann die Aussagen von Leuten, die sie tatsächlich gesehen haben, nicht einfach ignorieren!
Nur einige Fakten habe ich zusammengestellt, und Sie, liebe Leser, sollen selbst entscheiden: Die Dame galt als feenhaft und wird von der damals neunjährigen Tochter des Radefeld`schen Hauses „als jung und sehr schön geschildert, von Mittelgröße, graziösem Gang, lebhafter Bewegung, hoheitsvoller Haltung. Alles an ihr sei aristokratisch gewesen …“
Nach einer Erinnerung schreibt Dr. Karl Kühner, der seriöse Begründer der Dunkelgräfinnenforschung, Sohn des Pfarrers Heinrich Kühner, der damals in leidenschaftlicher Korrespondenz zum Dunkelgrafen stand, unmittelbar nach dem Tod des Grafen: „Ich selbst habe die Gräfin, obschon ich 15 Jahre lang, teils ganz, teils in allen Ferien auf dem Dorfe lebte, überhaupt nur zweimal und nur ein Mal einigermaßen deutlich gesehen; dies letztere geschah aus einiger Entfernung mittels eines Glases. Es mag im Jahr 1818 gewesen sein. Die Gräfin stand am offenen Fenster und fütterte mit Backwerk eine Katze, die unter dem Fenster war. Sie erschien mir wunderschön, sie war brünett, ihre Züge ausnehmend fein; eine leise Schwermut schien mir eine ursprünglich lebensfrische Natur zu umhüllen; in dem Augenblick wo ich sie sah, lehnte sie in schöner Unbefangenheit im Fenster, den feinen Shawl halb zurückgeschlagen, wie ein Kind mit dem Tier unter sich beschäftigt. Ich sehe noch, mit welcher Grazie die schöne Gräfin das Backwerk zerbröckelte und die Fingerspitzen am Taschentuche abwischte.“
Nur ein paar Jahre später bezeugt ein ebenfalls zuverlässiger Beobachter, der Flurdiener Stang, in Hildburghausen: „Als ich einst vom Pfaffengrund heraufkam, sah ich den Grafen mit der Gräfin auf der Chaussee, sie gingen neben einander und hinter der Kutsche her. Die Gräfin hatte den Schleier zurückgeschlagen und ich kann nur sagen, dass sie mittlerer Größe und sehr schön gewesen ist. Als mich der Graf gewahrte, ließ er sofort den Kutscher halten, hob die Gräfin in die Kutsche, folgte und schlug den Schlag zu, worauf der Wagen über die Marienstraße nach dem Haus am Spital fuhr.“
Auch der Postillon Appitz von Eishausen, der damals das geheimnisvolle Paar oft kutschierte, bestätigte diese Aussage mit den Worten: „Die Gräfin war nicht zu groß und sehr schön.“
Die Erinnerung des Ratsherrn Vogel, dem späteren Inhaber des Stadthauses des Grafenpaares am Spital (heute: Parkplatz gegenüber der Kreissparkasse in der Rückertstraße, d. Verf.), beschrieb die Dame im Jahre 1832 als „zart an Gestalt und sehr schön. Sie saß im Garten des Stadthauses in sich versunken, während der Herr hochaufgerichtet mit verschränkten Armen am Gartenzaun auf und abwandelte; eine unheimliche Gestalt aber entschiedener Cavalier, der die Befehle der Dame erwartete.“
Nicht ignorieren lässt sich ebenfalls die Bemerkung des Geheimrates Carl Friedrich von Bibra, der sich selbst mit Ahnenforschung seiner Familie beschäftigt und eine verblüffende Ähnlichkeit der Dame mit der Königsfamilie von Frankreich feststellt, als er dem mysteriösen Paar in der Marienstraße begegnet und die Dame den Schleier zurückgeschlagen hat.
Außerdem wäre da noch die Tochter der langjährigen Köchin des Grafen zu nennen, Dorothea Nothnagel, die acht Jahre im Schloss lebt. Sie schildert die Gräfin folgendermaßen: „… als eine Dame von sehr vornehmer Haltung, mit etwas ganz besonders feinem in ihren Zügen und so vornehm im Gang, dass es niedriger Gestellte gar nicht nachahmen konnten …“
Ein wichtiger Zeitzeuge ist auch der Sohn des Geheimrats Kraus aus Ingelfingen, der die Dame 1804 mit zurückgeschlagenen Schleier sieht und als er einige Zeit später das Porträt der französischen Königstochter in die Hand bekommt, das man überall im Land herumreicht, rief er erstaunt aus: „Das ist ja meine Gräfin Vavel!“
Ein Lehrling der Kesselring`schen Hofbuchhandlung namens Fischer, der damals in das Schloss Zeitschriften liefert, weil der Diener Scharre durch Krankheit verhindert ist. Er findet niemanden im Schloss, der ihm die Zeitungen abnimmt. So geht er in den ersten Stock, öffnet eine Tür, hinter der er Stimmen vernimmt und steht der Dame unvermutet gegenüber. Der Graf geht sofort dazwischen und befördert ihn auf den Gang. Der kurze Augenblick aber reicht, den jungen Mann von einer auffallenden Ähnlichkeit der Dame mit der Königin Marie Antoinette zu überzeugen, deren Bild weit verbreitet ist. Die Beobachtung teilt er sogleich seinem Chef mit, wird von diesem allerdings nur belächelt. In den späteren Jahren empfindet er es als Genugtuung, dass seine Behauptung vielleicht doch stimmt. So erzählt es im Jahr 1938 der Enkel des Lehrlings Fischer dem Dunkelgrafenforscher Maeckel.
Alle, die sie wirklich sahen, sprechen von der Schönheit der Gräfin und ihren feinen Zügen. Schlussfolgernd ergibt allerdings die Gesichtsweichteil-Rekonstruktion auf dem Schädel aus dem Grab, die auch mit viel Fantasie und modernster Computertechnik nicht zur Schönheit reichen wird, kein solches Bild.
Betrachten wir zunächst weitere Einzelheiten der Exhumierung, so weist der beschriebene Zustand des Gebisses große Auffälligkeiten auf. Lesen wir dazu den Bericht des Stabs- und Bataillonsarztes Dr. v. Mielecki, der gemeinsam mit dem Kirchenrat Dr. Rudolf Armin Human am 8. Juli 1891 die erste Graböffnung vornimmt: „Die Gruft wurde freigelegt, der Sarg war vermodert, das Skelett aber und besonders die Zähne gut erhalten.“ Bei der jüngsten Exhumierung allerdings ist der Oberkiefer zahnlos, dort befinden sich nur noch drei Wurzelreste. Der Unterkiefer enthält lediglich vier stark Karies befallene Schneidezähne. Was für ein Widerspruch! Das muss doch auffallen, denn bekanntlich verwesen Zähne kaum oder fast gar nicht! Zumindest werden sie nach dem Tod nicht mehr von Karies befallen, geschweige denn, sie hinterlassen tief in die Kieferknochen eingegrabene Abszesshöhlen. Auch ist kaum vorstellbar, dass Mielecki ein solches Gebiss, die Zähne als „besonders gut erhalten“ bezeichnet, sicher fänden diese bei ihm gar nicht erst Erwähnung. Dieser Aspekt lässt hier sogar die Frage entstehen: Handelt es sich bei beiden Exhumierungen, auch wenn 120 Jahre dazwischen liegen, tatsächlich um ein und dieselbe Person?
Ein weiterer sich fast gleichzeitig ergebender Fakt lässt Zweifel an der wissenschaftlich morphologischen Analyse der Gebeine der Person am Schulersberg aufkommen. Ich denke, es ist an der Zeit, eine weitere Ungereimtheit, die sich bei dem interdisziplinären Wissenschaftsprojekt ergab, offenzulegen. Der mdr hatte nun ausreichend Zeit, sein Versehen zu revidieren. Ich werde es nur grob und für jedermann verständlich beschreiben, denn ein Wissenschaftler oder Arzt bin ich nicht. Wir erinnern uns alle an die außergewöhnliche DNA, die aus einem der Oberschenkelknochen gewonnen wurde. Sehen wir jetzt mal von der Einzigartigkeit der Lage der Gebeine ab, die sich durchaus noch mit der ersten Graböffnung erklären lässt, weisen jedoch beide Oberschenkelknochen unterschiedliche Längen auf und passen anatomisch unmöglich zu den dort vorgefundenen Unterschenkelknochen. Sie sind dafür nämlich zu kurz. Es scheint sich um Gebeine von zwei verschiedenen Personen zu handeln. Eine Fortbewegung der Dame mit solch einem Skelett wäre demzufolge keinesfalls möglich gewesen, geschweige denn – ein graziöser Gang. Diesen Umstand kann und möchte ich hier nicht weiter kommentieren, es steht mir nicht zu und führt dann doch zu weit. Sicher gibt es auch dafür eine rein logische Erklärung, aber das hat mit unserem eigentlichen mysteriösen Geheimnis nur sehr wenig bis gar nichts zu tun.
Ich möchte Sie, liebe Freunde und am Schicksal der Dunkelgräfin Interessierte, in den nächsten Wochen auf eine Zeitreise einladen. Fakten und Indizien analysieren. So möchte ich Sie animieren, über einzelne Sachverhalte nachzudenken, denn immerhin liegt bei uns in Hildburghausen/Eishausen nach wie vor eine fantastische Geschichte im Verborgenen. In meinen nächsten Beiträgen werde ich mich hauptsächlich auf Fakten und Tatsachen beziehen, die ausschließlich auf historische Quellen zurückzuführen sind, und wir werden uns am Ende der Studien schrittweise dem bisherigen Modell anpassen, das mit hoher Wahrscheinlichkeit ein glaubwürdigeres Ergebnis widerspiegelt.

Ines Schwamm, Hildburghausen

 

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