*Ein fiktiver Brief an E. H.*

In der schelmischen Karnevalszeit ernsthaft nachgedacht

von Gerd Krauß

Erich Honecker,

im vergangenen Jahr feierten wir, die an der Friedlichen Revolution in der DDR teilnahmen, den 25. Jahrestag. Und wir haben ihn mit Freude gefeiert!

Du hast die Zeit des geeinten Deutschlands nicht mehr bewusst erlebt, und für uns bleiben viele Gedanken und Fragen, ob wir damals alles richtig gemacht haben. Ich meine nicht die Auflösung der SED, des Unterdrückungsapparats und des MfS, dem ausführenden Organ, das Deine Partei nach sowjet-russischem Vorbild ins Leben gerufen hat und das zum Schutz und Erhalt der SED-Diktatur Tag und Nacht im „Einsatz“ war, um Andersdenkende auszuschalten, die heute von Deinen Nachfolgern in der Partei DIE LINKE. bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit beschworen werden. Die ANDERSDENKENDEN.

Ich meine die Friedlichkeit des Aufstandes in der DDR und das vielfältige Vergeben der Verbrechen derer, die unterdrückt, gefoltert, inhaftiert und auch gemordet haben und das im Namen eines Landes, einer Idee und einer Partei und besonders in Deinem Namen, fortführend der Politik Deines Vorgängers Walter Ulbricht, den Du nach Art eines hinterhältigen Putschisten abserviert hast.

Hätten wir wie in Rumänien handeln sollen, an die Wand und Klick? Das war nicht unsere Option, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Es soll in der kleinen DDR sogar Menschen gegeben haben, die Deine Politik der Diktatur (des Proletariats) richtig fanden und noch heute finden. Sie heuchelten nicht, so wie es viele Millionen Menschen taten. Das bleibt für mich immer ein Rätsel.
Mit Deiner Politik hast Du es vielen Menschen schwergemacht, hast sie am ausgestreckten Arm verhungern lassen, so dass sie nie ein Bein auf den Boden bekamen. Es waren Menschen wie Du und ich, nur mit anderen Gedanken und Ansichten, manchmal sogar vom Sozialismus überzeugt, Du erinnerst Dich sicher an Robert Havemann oder Rudolf Bahro und an viele andere.
Hast Du Dir etwas gedacht, als Du die Biografien von Menschen zerstört hast? Ich glaube schon, denn Andersdenkende waren in der DDR nicht gern gesehen. Auch wenn Eure Götzenverehrung mit Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht schon einer Schmierenkomödie gleichkommt, auch im Jahr 2015. Die größten Feinde sind für Kommunisten, egal wie sie sich zu welcher Zeit nennen, immer die Andersdenkenden.
Du hast Dich gern im Angesicht von Menschenmassen gesonnt, doch glaubst Du es wirklich, diese Menschen haben Dir aus Liebe, Sympathie oder Überzeugung vom Sozialismus zugejubelt? Wusstest Du, dass sie für das Jubeln mitunter sogar bezahlt wurden?
Du warst der Sonnenkönig im „NEUEN DEUTSCHLAND“, dem Zentralorgan der SED und in der „AKTUELLEN KAMERA“, der Nachrichtensendung im DDR-Fernsehen. Hätte man in der DDR die Möglichkeit gehabt, die Einschaltquoten der Nachrichtensendungen des DDR-Fernsehens zu messen, Du hättest Dich sehr gewundert, wie viele Menschen täglich 19:30 Uhr das Westfernsehen eingeschaltet haben. Aber auch, wenn es möglich gewesen wäre, die wirklichen Zahlen hätte Dir niemand auf Deinen Schreibtisch gelegt. Du warst umgeben von Arschkriechern und Feiglingen, die Dir täglich die wunderbare Welt des Sozialismus vorgegaukelt haben. Und die haben sich bis heute kaum verändert, vor allem, weil sie sich auch heute die Demokratie und die freie Marktwirtschaft für sich sehr nutzbar machen.
Kennst Du das Märchen vom Kaiser mit den neuen Kleidern? Genau das warst Du und Du hast Dich in der Rolle wohl gefühlt, aber bei ganz vielen Menschen warst Du nur eine lächerliche Figur, die kaum einen Satz frei sprechen konnte. Du musst mir mal bei Gelegenheit mitteilen, warum Du von der Stasi für Deinen Privatgebrauch Pornofilme drehen oder beschaffen ließest. Wozu hast Du sie gebraucht? Das würde mich wirklich interessieren. Mit Margot war es wohl nicht mehr so das Wahre? Du warst ein Heißblut, es war ja nicht die erste Ehe. So ein richtiger Klassenkampf fordert eben seine Opfer, bei vielen auch Ehe- und Nebenfrauen.

Sag mal Erich, warum bist Du nicht einmal selbst zu den Bürgern der DDR gegangen und hast Dich mit ihnen über ihre Probleme, Sorgen und Nöte unterhalten. Warum hast Du Dich bei der Fertigstellung von Neubauvierteln, den Betonghettos, feiern lassen, hast aber den Verfall der gewachsenen Innenstädte nie gesehen?

Hättest Du die Wahrheit gekannt und vielleicht etwas gegen Deine unmenschliche Politik getan, hätten sich nicht so viele Menschen in Nischen versammelt und über einen Umsturz in der DDR nachgedacht.
Du bist an der Entwicklung bis 1989 in der DDR selbst schuld. Vierzig Jahre imaginärer Sonnenschein für Dich und Deine Paladine und Schatten und dunkle Wolken für das Volk, und das im wahrsten Sinne des Wortes, denke nur an das Dunkel in Espenhain oder die verpestete Luft in Bitterfeld.

Sag‘ mal Erich, warum hast Du mit Menschenhandel viele Millionen D-Mark in Dein Land geholt? Zuerst hast Du die Menschen einsperren und dann von der Bundesrepublik gegen Devisen eintauschen lassen. Menschen waren für Dich eine lukrative Handelsware. Wenn Du und Ideologen auch keine Ahnung von der Wirtschaft hatten, hier stimmte die „Ware-Geld-Beziehung“. Sklavenhandel? – In der ganzen Welt hast Du um Anerkennung gebuhlt, konntest aber keine Kritik aushalten und hast die besten Kulturschaffenden aus dem Land getrieben. Ich denke nur an Wolf Biermann und all die, die seiner Ausbürgerung folgten oder auf Anordnung der allwissenden Partei folgen mussten.

Du hast Dich wie ein kleiner rachsüchtiger Gott verhalten und auch so gehandelt. Doch der tatsächliche Gott vergibt, er erkennt die Schwächen Anderer und kann verzeihen, Du nicht! Da geht Dein lila Gespenst in Chile mit Dir konform. Margott (ein seltsamer Name) ist heute noch vom DDR-Sozialismus begeistert und beklagt die niedrigen Rentenzahlungen im menschenfeindlichen Deutschland. Du musst mal bei Youtube schauen.

Aber bei Deinem Lieblingshobby war es anders. Nach jedem Schuss hast Du die Begleiter gefragt, ob Du getroffen hast, und man hat Dir geantwortet: „Genosse Generalsekretär, Sie haben das Wild begnadigt.“ Anderes Wild, es war nun einmal Wild für Dich, hast Du gern in Käfigen gehalten – so wie mich.

Es waren ja nicht einmal Schwächen derer, die Du hast einsperren lassen. Du hast ihnen Berufsverbote auferlegt und sie in die Flucht getrieben.
Ach ja Flucht, was war Dir ein Menschenleben wert? Immer wieder muss ich an die vielen Toten denken, die an der Grenze der DDR auf Deinen Befehl hin erschossen wurden, die durch die Selbstschussanlagen Arme und Beine, ja sogar das Leben verloren haben, deren Zukunft Du kaputt gemacht hast. Doch es spielte für Dich und Deine Überzeugung keine Rolle, der Sozialismus muss eben siegen, egal mit welchen Mitteln.

Deine poetische Seite habe ich immer bewundert, denke ich nur an Deinen genialen Ausspruch mit dem Ochs und dem Esel in seinem Lauf und dem Sozialismus … Einfach toll!

So hast Du auch auf einer Leipziger Messe festgestellt, als Du den Stand von Glashütte besucht hast, dass es im Westen Deutschlands keine Wecker gibt. Ein Genosse aus Deinem Gefolge fragte Dich ängstlich, warum es so sei und Du hast nach Deiner Überzeugung geantwortet: „Der Klassenfeind schläft nie, wozu braucht er da einen Wecker?“
Manchmal konntest Du wirklich witzig sein, nur die, die darüber lachten, taten es aus Parteidisziplin.

Erich sag mal, Du und Deine ebenfalls verachtenswerte Gattin legten so viel Wert auf Bildung in der DDR. Du hast Margot sogar zur Bildungsministerin gemacht, sicher weil sie das wollte, die Qualifikation dazu hatte sie bestimmt nicht. Und Du als Staatsratsvorsitzender und Generalsekretär der SED warst Dachdecker, ein richtiger Prolet, wie er sein sollte. Doch warum hast Du Deine Lehre nicht abgeschlossen? Sicher kam der Klassenkampf dazwischen, das kann man schon akzeptieren, zumal so ein Beruf alles vom Lernenden abverlangt.

Tja Erich, es ist nun wirklich für Dich schade, dass Du die Demokratie in Deutschland nicht mehr erleben konntest. Weißt Du, was ich jetzt in dieser Zeit sehr vermisse, es sind die Witze über Dich, doch das weißt Du besser als ich: Über Diktatoren werden eben Witze gemacht und über dümmliche ohnehin. Frag Dich mal warum.

Was hättest Du im freien Deutschland getan? Denke ich so darüber nach, mir fällt nichts ein, wo Du Deine Fähigkeiten hättest einbringen können.

Doch eines interessiert mich noch, wo Du jetzt eigentlich bist? In der sozialistischen Hölle? Ich kann es mir vorstellen, das wäre nicht so leicht für Dich, Privilegien gibt es da auch nicht für Dich, der Teufel mag blöd sein, doch so blöd ist er nun auch wieder nicht.

Und dass Du vielleicht im Himmel bist, kann ich kaum glauben, doch wenn ja, welcher Gott hätte Dich genommen? Erfahrungen hast Du schon auf Erden mit dem Glauben gemacht. Hatte Dich auf Deiner Flucht vor dem Volkszorn nicht eine Pfarrersfamilie aufgenommen, Dir Asyl gewährt? Doch das ist noch kein Freifahrtschein in den Himmel und beichten konntest Du auch nicht, es waren Evangelen. – Welcher Gott sollte Dir Deine Sünden vergeben? Der Gott der Christen, Buddha oder Mohammed? Die Kommunisten haben bislang noch keinen Gott, auch wenn viele Deiner Sorte nach 1990 nach ihm gerufen haben.

Ich glaube an die Reinkarnation – aber hoffe, Du kommst nicht noch einmal auf die Erde. Wir haben hier unten immer noch genug solch kranker Gehirne. Doch solltest Du wirklich noch einmal wieder kommen, vielleicht als ein Golden Retriever, dann setze aber bitte nicht Deinen dämlichen Strohhut auf.

Es grüßt Dich auf Deinen steinigen Wegen, Venceremos …

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