1795-1851 Das Leben der Herzogin von Angoulême

Mit dem Austausch in Basel hatte die Dame, Ernestine oder Louise-Catherine de Lambriquet, die Rolle der Madame Royale übernommen.  Begleitet wurde sie von Madame de Soucy und Hue, die Aufzeichnungen fertigten, die auf eine Vertauschung hinweisen. Auf ihrer Reise nach Wien besuchte sie entfernte Verwandtschaft in Füssen, die aber ihre Großnichte nie gesehen hatte. Hier konnte die Pseudoprinzessin einen ersten Brief an ihren Onkel, den Grafen von Provence, dem späteren Ludwig XVIII., schreiben.
Am 9. Januar 1796 wurde sie von Kaiser Franz II. und seiner Gemahlin an der Wiener Hofburg nicht ohne Vorbehalt empfangen.

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Luftbildaufnahme der Wiener Hofburg um 1900 – Wikipedia

Am Wiener Hof wurde sie vor allem von Franzosen abgeschirmt, sehr zum Vorteil der vertauschten Prinzessin. Längst erahnte Franz II. den Handstreich einer Vertauschung und verhinderte ein Zusammentreffen mit ihrem Onkel. Von einer geplanten Hochzeit mit einem Habsburger, seinem Sohn, Erzherzog Karl von Österreich, war nun keine Rede mehr.

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Franz II. nach seiner Kaiserkrönung 1792 – wikipedia

Ihr Onkel (evtl. ihr Vater), der Graf von Provence, muss seine Aufenthalte wegen der politischen Gegebenheiten ständig wechseln und führte daher ein ruheloses  Leben. Erst im Frühjahr 1799  bietet Zar Paul I. von Russland ihm eine längere Bleibe im Schloss Mitau als Exil.

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Schloss Mitau im Winter 2006 –  wikipedia Martin Thirolf

Auch die nun „offizielle“ Madame Royale trifft am 10. Juni 1799 in Schloss Mitau ein. Nur sechs Tage später wurde sie mit ihrem Cousin, dem Herzog von Anglouême, verheiratet. Es ist der Sohn, des Grafen von Artois, dem jüngsten Bruder ihres vermeintlichen Vaters.

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Louis-Antoine de Bourbon, duc d’Angoulême; Öl auf Holz, Châteaux de Versailles et de Trianon – wikipedia

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Herzogin von Anglouême, Brautbild um 1797 – 1799, Gemälde von Henri Pierre Dauloux. Österreichische Nationalbibliothek Wien

Der russische Zar Paul I. sympathisiert mit Napoleon, daher muss  Ludwig XVIII. Schloss Mitau verlassen. Die Herzogin besteht darauf, ihren Onkel zu begleiten. Am 20. Januar 1801 müssen sie eine Reise bei Eis und Schnee über Memel, Königsberg (Ostpreußen) und Warschau antreten.
In Warschau nimmt die Herzogin Kontakt zur preußischen Königin Luise auf, einer Schwester der Herzogin Charlotte von Sachsen-Hildburghausen.

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Königin Luise von Preußen, Ölgemälde von Josef Maria Grassi aus dem Jahr 1802- wikipedia

Königin Luise gewährt den Bourbonen Asyl, sie müssen aber unter einem Pseudonym leben. Nach der Ermordung des Zaren bietet der neue Zar Alexander I. dem künftigen König Ludwig XVIII. erneut in Mitau Exil und erhöht die finanziellen Zuwendungen. Die Bourbonen lehnen dankbar ab und bleiben vorerst in Warschau, näher am politischen Geschehen.
Napoleon möchte im Jahre 1803 von Ludwig XVIII. einen Thronverzicht erreichen und bot ihm den Erwerb eigener Territorien an: Das lehnt er in einer Erklärung ab.

 

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Der Graf der Provence, der spätere König Ludwig XVIII. www.epoche-napoleon.net

Ludwig XVIII. klagt am 2. Oktober 1804 Kaiser Napoleon der Usurpation an. Wegen der Neutralität muss der preußische König Wilhelm III.  den Bourbonen den weiteren Aufenthalt in Warschau untersagen, und sie beziehen erneut Quartier auf Schloss Mitau.

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Ölgemälde, Portrait Napoleon Bonarparte als König von Rom – selbst erstellt im heeresgeschichtlichen Museum in Wien



Am 7. Juli 1807 wird durch das Tilsiter Friedensabkommen der Koalitionskrieg zwischen Frankreich und Russland beendet. Die Bourbonen müssen sich erneut ein Exil suchen. Sie beziehen das Schloss Gosfield Hall in der Grafschaft Essex in London. Im Juli 1808 folgt die Herzogin von Angoulême. Im April 1809 wechseln sie das Asyl und mieten Schloss Hartwell House in der Nähe von London. Ihr Leben wird von großer Eintönigkeit geprägt, da Napoleon seine Machtstellung auf dem europäischen Festland immer weiter ausbaut.

Erst der verlustreiche Russlandfeldzug im Jahre 1812 bringt die Wende. Die nachfolgenden Befreiungskriege beseitigen schließlich Napoleons Macht über Europa.

Verbündete besetzen am 31. März 1814 Paris und zwingen Napoleon zum Abdanken. Er wird auf die Insel Elba verbannt.

Am 24. April 1814 betritt die Herzogin zum ersten Mal nach achtzehn Jahren wieder französischen Boden. Sie ist für die Thronübernahme von König Ludwig XVIII. entscheidend. Niemand aus dem Volk kann sich an sie erinnern, doch jeder kennt das bewegte Schicksal der armen Waisen aus dem Temple.

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Die Herzogin von Angoulême in ihrer Pariser Zeit 1824, portraitiert von dem berühmten Künstler Isabey

Am 3. Mai 1814 zieht Ludwig XVIII. unter großem Jubel in Paris in die Tuilerien ein. Eine neue Verfassung wird verkündet, sie verbindet revolutionäres Erbe und Tradition.

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Allegorische Darstellung der Rückkehr der Monarchie (um 1814) – wikipedia

Napoleon gelang es nach seiner Rückkehr von Elba, rasch Anhang zu finden und in der Herrschaft der hundert Tage erneut die Macht zu übernehmen.

Ludwig XVIII. sah sich gezwungen, überstürzt Paris zu verlassen und erneut ins Exil nach Gent zu gehen. Sein Scheitern schien vollkommen, und er hatte weitgehend resigniert.

In Schlacht bei Waterloo wurde Napoleon endgültig besiegt und musste am 22. Juni 1815 abdanken. Von den Briten wurde er auf der Vulkaninsel St. Helena interniert.

König Ludwig und die Herzogin von Angoulême zogen am 27. Juli 1815 erneut in Paris ein. Der König bemüht sich innenpolitisch um einen Ausgleich der gesellschaftlichen Kräfte. Die Herzogin ist mit der versöhnlerischen Politik des Königs nicht einverstanden und sieht eine Schwächung des Königtums der Bourbonen. Sie begünstigt sogar die Vollstreckung der Todesstrafe gegen einst verdienstvolle Militärs, z. B. von Marschal Ney, da sie zu Napoleon gewechselt sind.

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Herzogin von Angoulême (Karikatur)

Napoleon hatte bereits die Stärke der Herzogin erkannt und sagte, sie sei der einzige Mann der Familie Bourbon.

Am 16. September 1824 stirbt Ludwig XVIII., ihm folgt sein Bruder, der Schwiegervater der Herzogin, als Karl X. von Frankreich auf den Thron. Sein Führungsstil gleicht dem des „Alten Regimes“ und es kommt im Jahr 1830 zur Julirevolution.

Der abgedankte König und die Herzogin verlassen im August 1830 auf dem Seeweg Frankreich.

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Marie Thérèse, Duchesse d’Angoulême, gemalt 1827 von Alexandre-François Caminade, Musée du Louvre – wikipedia

Sie gehen zunächst ins Exil nach England, dürfen aber nicht unter ihren königlichen Titel residieren und nennen sich Comte und Comtesse von Marnes.
Im Herbst 1832 fordert der englische König sie auf, das Land zu verlassen. Vom Wiener Hof erhalten sie die Zusage für ein Asyl auf dem Prager Hradschin.

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Blick auf den Hradschin mit Burg – wikipedia

Im Frühjahr 1836 müssen sie die Burg verlassen und finden schließlich Asyl auf Schloss Grafenberg in Görz (Goricia) im heutigen Slowenien.
Am 6. November 1836 stirbt Karl X. an Cholera, somit ist die Herzogin von Angoulême Titularkönigin und ihr Gemahl König Ludwig XIX. von Frankreich. Sie werden aber als solche von Frankreich nicht anerkannt.
Am 3. Juni 1844 verstirbt der Herzog von Angoulême an Darmkrebs, die Herzogin übersiedelt im Juni 1845 endgültig nach Schloss Frohsdorf in Niederösterreich.

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Schloss Frohsdorf – Marktgemeinde Lanzenkirchen 2009

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Die Herzogin von Angoulême auf ihrem Witwensitz in Frohsdorf, letzte bekannte Abbildung, Kupferstichkabinett Dresden (nach Daehne)

Kurz vor ihrem Tod verfasst die Herzogin von Angoulême zwei Testamente: Ein offizielles, indem sie festlegt, dass keine Autopsie vorgenommen werden darf und alle von ihr geschriebenen Dokumente zu verbrennen seien. Ein weiteres Testament wird dem Vatikan übergeben und darf erst einhundert Jahre nach ihrem Tod (1951) den Erben übereignet werden.

Sie stirbt am 19. Oktober 1851 an einer Lungenentzündung in Frohsdorf. Sie wird wie ihr Onkel, Schwiegervater und ihr Gemahl in der Bourbonengruft im Franziskanerkloster Konstanjevica in Nova-Goricia beigesetzt.

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Grab der Marie Therese Charlotte, fotografiert Krischnig 2008wikipedia

Bilder ohne Quellenangabe stammen aus dem Band „Das große Geheimnis von Hildburghausen“ (Mit freundlicher Genehmigung Salier Verlag Leipzig und Hildburghausen, Helga Rühle v. Lilienstern und Hans-Jürgen Salier)