HILDBURGHÄUSER FREUNDSCHAFTSBUND (HFB)

Ingenieur-Verbindung HILDBURGIA

Ansprache von Martin Leidinger am 3. Oktober 2017

zur Wiedereinweihung der Gedächtnisbrücke am Neuen Technikum

Sehr geehrte Frau Landtagsabgeordnete Kristin Floßmann, sehr geehrter Herr Bürgermeister Holger Obst, sehr geehrte Frau Schulleiterin Corinna Müller, sehr geehrte Gäste dieser Einweihungsfeier!

Ich spreche heute im Namen der Verbindungen des Hildburghäuser Freundschaftsbunds, in denen, wenn auch inzwischen an anderen Orten, die Ideale der Verbindungen weitergelebt werden, die dieses Bauwerk initiiert und seine Errichtung finanziert haben.

Ich hatte das persönliche Vergnügen, mich intensiver mit der Geschichte des Hildburghäuser Technikums und seiner Studentenverbindungen beschäftigen zu dürfen. Und dabei bin ich auch auf andere thüringische Technika aufmerksam geworden, die es ab Ende des 19. Jahrhunderts in größerer Zahl gab. Aber ich habe kein Technikum gefunden, dass so fest in seiner Heimatstadt verwurzelt war wie dieses. Und daran hat sicherlich die Tatsache erheblichen Anteil, dass über das gemeinsame Fest zu Pfingsten jedes Jahr bis 1936 auch ehemalige Studierende des Technikums in großer Zahl wieder an den Ort ihrer Jugend und Ausbildung zurückkehrten und ihre Verbundenheit im sprichwörtlichen Hildburghäuser Geist lebten.

Diese Verbundenheit hat auch das Ende des Technikums 1946 und die deutsche Teilung überlebt, denn der Gedanke wurde in den Verbindungen im Hildburghäuser Freundschaftsbund, CStV. Unitas Hildburghausen zu Wuppertal, TV Bauhütte zu Kassel und I.V. Hildburgia zu Coburg sowie der L! Rhenania zu Friedberg und dem Verein Ehemaliger Studierender Hildburghausens VEStH in der damaligen Bundesrepublik Deutschland konsequent gepflegt und nach dem Fall der Mauer wieder an den Ort seines Entstehens zurückgebracht. Erfreulicherweise wurde diese Verbundenheit auch von der heutigen Berufsschule und ihrer Leitung, der Stadt, ihrer Bürger und mehrerer ihrer Bürgermeister sowie dem Landkreis und seinem Landrat freundlich erwidert. Und daraus konnte viel Positives entstehen, und deswegen stehen auch wir heute hier. Und danken allen Genannten herzlich dafür.

Für die Verbindungen und ihre Angehörigen hat dieses Bauwerk in seiner nun fast 100-jährigen Geschichte aber auch eine Wandlung seiner Bedeutung erfahren.

Ab dem Herbst 1914 wurden unzählige Menschen in Europa und davon die meisten junge Männer Opfer eines damals noch allgemein gültigen Gedankens, nämlich mittels eines Krieges Ziele zu erreichen, wo die Diplomatie versagte. Daher wurde von drei Monarchen und ihren Regierungen und Militärs den Völkern Europas dieser Krieg aufgezwungen, den die wenigsten dieser Völker wollten.

Allerdings war man in Deutschland seit fast 40 Jahren im Geist eines Staates erzogen worden, der seine Gründung dreier solcher Kriege verdankte und somit einen solchen Angriffskrieg als Normalität betrachtete, ja sogar jährlich verherrlicht hatte.

Und so fanden sich viele junge Männer plötzlich nicht mehr in der gefeierten Erzählung ihrer Väter und Großväter über die Kriege 1866 – 1871 wieder, sondern im industrialisierten Gemetzel der Schlachtfelder in Frankreich, Belgien, Holland und Russland. Und keiner der Verantwortlichen erklärte sich nach 1918 in Deutschland bereit, eine Schuld für die Toten des Krieges und die körperlich und seelisch verwundeten Heimkehrer auf sich zu nehmen, ja man beschuldigte am Ende andere für die Niederlage und verhinderte eine konsequente Aufarbeitung der Ursachen dieses Krieges.

Die Überlebenden wollten einen Ort, um der Freunde, die das größte Opfer gebracht hatten, in Würde zu gedenken.

Dieser Gedanke entstand bereits in den ersten Jahren nach dem Krieg. Aber erst 1925 konnte er konkretisiert werden. Und dann ging es für heutige Zeiten unglaublich schnell.

Ich muss an dieser Stelle aber auch erwähnen, dass es neben einer gemeinsamen Idee der ehemaligen Studierenden auch vieler Unterstützer am Technikum und in der Stadt Hildburghausen zur Realisierung bedurfte. Und wie meistens einer kleinen Gruppe von Idealisten, die mit Beharrlichkeit und erheblichem persönlichen Einsatz das Werk betrieben, allen voran mein verstorbener BB Ochsenkopf.

Die Idee der Brücke stammte von Studienrat Schumann, Dozent am Technikum. Er wollte, dem damaligen Ideal der Technik folgend, auch einen Nutzen für die Stadt und das Technikum, indem der damalige Irrgarten auch von dieser Seite erschlossen werden sollte.

Allerdings legte das damalige Thüringische Rentamt da einige Steine in den Weg, mit den Bedingungen, dass keine Fahrräder und Handwagen diesen Zugang nutzen durften – also zwei Treppen – und auch der Irrgarten nicht zum zweiten Pausenhof des Technikums werden durfte.

Als alle diese Schwierigkeiten überwunden waren, wurde 1927 ein Wettbewerb zur Gestaltung der Brücke ausgeschrieben und aus der Kombination von zwei Entwürfen die endgültige Gestaltung erarbeitet.

Dabei wurden Entwürfe kombiniert, die durch einen Verzicht auf martialische Verherrlichung des Krieges mit überdimensionalen steinernen Stahlhelmen oder Eisernen Kreuzen bewusst verzichteten. Und Einigkeit und Recht und Freiheit in einem Brückenpfeiler steht, statt Deutschland, Deutschland über alles.

Gleichzeitig wurde eine Finanzierung realisiert, die nicht unerheblich war.

Und so konnte im Frühjahr 1928 das Bauwerk in dreieinhalb Monaten trotz schwieriger Witterungsbedingungen errichtet und zu Pfingsten mit allem in der damaligen Zeit üblichen Feierlichkeit eingeweiht werden.

Dazu wurden auch zeitübliche vaterländische Reden gehalten und in einer damaligen Version einer Inschrift sollte weiterhin die Welt am deutschen Wesen genesen.

Es wäre mehr als anmaßend, aus heutiger Sicht den Stab über die damals Handelnden zu brechen. Denn es bedurfte einer zweiten, noch größeren Katastrophe, die elf Jahre später von deutschem Boden ausging, um auch diese Lektion zu lernen.

Und erst mit dem Glück der Wiedervereinigung in Folge der Friedlichen Revolution in der damaligen DDR und dem Zerfall des sog. Ostblocks scheint die Gefahr, dass noch einmal ein solches Denkmal errichtet werden muss, gebannt.

Daher ist der 3. Oktober als symbolisches Ende der Zeit, in der sich europäische Mächte und ihre Verbündeten waffenstarrend gegenüberstanden und in einen Krieg gegeneinander zu ziehen, der beste Tag, dieses Denkmal wieder einzuweihen.

Es war nach seiner Errichtung als Geschenk an die Stadt Hildburghausen übergegangen. Und damit auch die Kosten seiner Unterhaltung. Und für die Restaurierung zum Erhalt für die nächsten hoffentlich friedlichen 100 Jahre danken wir an dieser Stelle allen Beteiligten nochmals auf das Herzlichste.

Für die heutigen ehemaligen Hildburghäuser Verbindungen hat es weiterhin eine große Bedeutung.

Es ist für uns heute das Mahnmal für alle Opfer der zwei Weltkriege.

Es ist für uns heute das Mahnmal für alle ehemaligen Hildburghäuser Studierenden und Dozenten, die von ihren Regierungen dem Wahnsinn dieser Kriege geopfert wurden.

Es ist ein Mahnmal für die Verteidigung einer freiheitlichen und friedlichen Demokratie, die solches für alle Zeit unmöglich machen soll.

Und es ist der Ort des Gedenkens für alle ehemaligen Studierenden und Dozenten dieses Technikums, die im Frieden verstorben sind und gemäß einem ab den 1960er Jahren geflügelten Wortes ihren letzten Weg über die Gedächtnisbrücke gegangen sind.

Ich danke ihnen für ihre Aufmerksamkeit und bitte um ein kurzes Gedenken an alle diese Toten.

„Chargen chargiert!“

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