Der „Lorz“

Fritz Eller

Ganz am Ostrand des Städtchens biegt von der Eisfelder Straße eine schmale, holprige Nebenstraße ab, der Walkmühlenweg. Auf der einen Seite beschatten den Weg uralte Bäume eines großen, parkartigen Gartens, an der anderen sieht man gepflegte Blumengärten, die zu den später erbauten Häusern an der Hauptstraße gehören. Nach wenigen hundert Schritten hören Park und Garten auf, und der Holperweg senkt sich zur Werra hin, um bei der Bohlenbrücke hinter der alten Walkmühle zu enden und in einen Wiesenweg überzugehen. Kurz ehe man aber die alte Mühle erreicht, steht ein winziges Häuschen. Es ist so niedrig, dass ein normaler Mensch die Dachtraufe bequem mit ausgestrecktem Arm erreichen und das Moos von den Dachziegeln nehmen kann.

Ein großer Stapel Brennholz, ein noch höherer Hügel Waldstreu aus Heidewurzeln und Heidelbeergestrüpp und ein duftiger Stallmisthaufen umrahmen das kleine Gebäude. Auf der Wiese daneben weiden ein paar saubere weiße hornlose Ziegen. Aus dem winzigen Stall hört man Schweinequieken und das tiefe Brummen einer Kuh.

Das kleine Idyll ist ohne Zweifel ein kleines Bauerngehöft, wie es einige in der einstigen Residenzstadt gibt. Ein Bauer mit drei Kühen neben fünf Ziegen und einige „Haseküh“ – das sind Stallkaninchen – dünkt sich wie ein kleiner König. Wer das kleine Tal durchwandert und fragt, wer der Besitzer des Zwergenhofs sei, erhält von Einheimischen die Antwort: „Das da? Das is dem Lorz sein’s!“ Und als der Lorz gestorben war, hieß es „bei der Lorze-Gustel“.

Mutterseelenallein bewohnte diese lange, hagere, schon recht bejahrte Gustel das Häuschen und ernährte sich recht und schlecht von dem, was „Haseküh“, Ziegen und die Kuh ihr gaben und dem mehr als kargen Ernteertrag ihrer winzigen hungrigen Äcker und Felder. Mutterseelenallein, wie sie wohnte, so pflügte, eggte, säte und erntete sie Getreide, Rüben und Raps. Wie eine Einsiedlerin hauste sie, und nur die Nachbarn wussten, dass hier eine alte Jungfer der Bauer war. Stets sahen Haus und Hof sauber und ordentlich aus.

Als einmal ein Dieb versuchte, aus dem Rauchfang der Hütte frische Speckseiten und aus der Truhe der Lorzegustel alte Taler zu holen, musste er mit arg verschwollenen Backen und Kopfbeulen abziehen und das Weite suchen. Gustel hatte einen Hund. Das war ihr einziger männlicher Schutz und nur ein kleines, struppiges Tier zwischen Fox und Dackel, aber scharf und wachsam. Der hatte den Spitzbuben gestellt. Das andere besorgte Gustel mit dem „Mangelholz“.

Der Lorz und die Lorzegustel waren stadtbekannt. Hätte man aber einen Städter nach dem rechten Namen gefragt, er hätte ihn wohl kaum sagen können. Höchstens ein uniformierter Stadtpolizist hätte Auskunft geben können. Die hatten öfters mit dem alten Lorz zu tun. Nicht etwa, dass er ein Verbrecher war – nein! Er war der ehrlichste, geradeste und ordentlichste Mensch, den man sich denken kann, aber ein Schelm, ein Schalk, ein Till Eulenspiegel. Seine Scherze machten vor keiner Obrigkeit halt. Nur – die hohe Obrigkeit hatte nicht immer das rechte Verständnis für Lorzens putzige Einfälle.

Dieser Lorz war einer der „absonderlichsten“ Menschen in dem alten Städtchen. Er selbst musste wohl auch immer überlegen, wie er wirklich hieß: Lorenz Wagner, wenn er bei der Steuererklärung oder sonst wie „amtlich“ befragt wurde. Er selbst nannte sich nur „Der Lorz“ und eine stehende Redensart von ihm, wenn er behelligt oder gedrängelt wurde, war: „Ärscht wartste, spricht der Lorz!“ Der Satz wurde zum geflügelten Wort im Städtchen: Beim Haareschneider, im Wirtshaus, am Bahnhof, beim Tanz, beim Schafkopfspiel.

Dass sich im Jahre 1900 beim Boxeraufstand im fernen China zwei Landsleute, sogar Stadtkinder und Schulkameraden fanden, verdankten sie dem alten Kleinbauern vom Walkmühlenweg.

Zu meiner Jugendzeit waren diese beiden Nachbarn. Der eine bewohnte im Haus meiner Eltern das erste Stockwerk. Es gehört zu seinen lebhaftesten Jugenderinnerungen, wie Hermann Fischer seine Sofaecke mit allerlei Andenken aus China ausgestattet hatte: Mit einem leichten Gruseln besah ich mir immer einen Kasten an der Wand, der in der Art der Schmetterlings- und Käfersammelkästen gehalten war. Darin prangten aber auf dem weißen Hintergrund nicht schön gespannte Insekten, sondern – ein Zopf, ein etwa materlanger, echter, fest geflochtener pechschwarzer Haarzopf eines Chinesen. Beiderseits des Kastens waren krumme, breite Säbelklingen, Boxersäbel und einige lange, und wie mir, dem neugierigen Kind immer versichert wurde, haarscharf geschliffene Dolche aufgehängt. Auf dem Sofaumbau war ein kleines Museum wunderbar geformter und gemalter Vasen und eine Wasserpfeife aufgebaut. Einen winzig kleinen Pfeifenkopf mit einem langen, strohhalmdünnen Mundstück hat man mir als Opiumpfeife erklärt. Ein lackiertes Schränkchen barg eine große Anzahl sehr hübscher Porzellansachen, so u. a. auch feine, wunderbar bemalte Tassen, die hauchdünn waren und sich anfühlten, als seien sie aus Pergamentpapier gefertigt. Zwanzig Jahre später, als ich meiner zukünftigen Frau als Geburtstagsgeschenk ein echt chinesisches Teeservice für zwei Personen kaufen wollte, das mir in einem Schaufenster aufgefallen war und sehr gut gefiel, habe ich erst begriffen, was auf Fischers Hermanns Sofa für Werte standen. Als ich – seelisch etwas zerknittert – aus dem Leipziger Geschäftshaus trat, gedachte ich dieser Schätze im Lackschrank. Ich habe das Teeservice nicht gekauft …

In einer Porzellanschale lag ein Seidenschal, in den sich eine Frau, sie brauchte nicht einmal übermäßig schlank zu sein, gut hineinwickeln konnte. Diesen Schal zusammenzuknüllen und als kaum apfelgroßes Knäuel in einer Hand zu halten, war damals nicht nur mir ein schier unfassbares Wunder. Der Vollständigkeit halber sei noch ein fast zwei Quadratmeter großer, holzgerahmter Wandschirm aus dicker, schwarzer Seide erwähnt, auf dem in kunstvollsten Stickereien furchtbar anmutende chinesische Drachen zu sehen waren.

Der Besitzer dieser fremdartigen Reichtümer war, wie gesagt, Hermann Fischer und zu dieser Zeit einer der Stadtpolizisten, mit denen der alte Lorz hin und wieder zu tun hatte.

Schräg über der Straße wohnte der andere Chinakämpfer, Karl Bechmann, der bei seinem Vater, dem alten Schreinermeister Heinrich, als Gehilfe arbeitete.

Hermann diente, als der Boxeraufstand ausbrach, in irgendeinem thüringischen Infanterie-Regiment, Karl aber war Matrose. Beide gehörten dann dem Expeditionskorps an, das unter Graf Waldersee nach dem Fernen Osten dampfte, um die Interessen des Deutschen Reiches wahrzunehmen. Sie waren dabei, als der Oberbefehlshaber der britischen Truppen in seiner bedrängten Lage den denkwürdigen Befehl gab: „Germans ti the front!“

Es war kurze Zeit nach der Niederwerfung des Aufstandes als das deutsche Korps Biwak bezog und an Lagerfeuern die Ruhe genoss, die schwer verdient war. Noch hatten viele der Soldaten das grausige Erleben nicht überwunden und versuchten, in Gedanken damit fertig zu werden. Es wurde geplaudert, auch geschrieben, wenige vermochten zu schlafen. Aber es gab auch welche, die schneller über alles Erlebte hinwegkamen, sie konnten sogar Karten spielen.

Karl Bechmann aber war einer, der träumte. Er schickte seine Gedanken in die ferne, ach so ferne Heimat. Während er auf dem staubigen dürren Boden lag, den Kopf auf dem Tornister und die Hände im Nacken verschränkt, wanderte er im Geiste über Länder und Meere bis in jenes stille Städtchen im Tal, wo betagte Eltern seiner warteten. – Aber, wie sprang er auf, als in seinen Träumen hinein der unverfälschte Dialekt der Heimat an sein Ohr drang! Viele Monate war es her, dass er, die Landratte unter lauter Leuten von der „Waterkant“, heimatliche Leute gehört hatte! Nur ein kurzes Sätzchen hatte ihn aufhorchen lassen, dann hörte er nur noch lautes Lachen und Klatschen von Spielkarten dort drüben an den Feuern der Infanterie. Aufgesprungen war der Karl und suchte – suchte! Wer hatte das gerufen: „Ärscht wartste, spricht der Lorz!“? Wo saß der, wer war das? Es musste einer aus der Heimat sein, denn wer sonst sollte dieses geflügelte Wort des Lorz noch kennen? Er ging durch die Reihen der flackernden Feuer. Hier muss es gewesen sein, in dieser Gruppe wurde Schafkopf gespielt. Es war aber schwer, im unruhigen Feuerschein in den sonnenverbrannten Gesichtern den Heimatgenossen zu erkennen. Der da mit dem blonden Schnurrbart? Konnte es sein, dass er, wer weiß wie viele tausend Kilometer von der Heimat weg einen Landsmann, Schulkameraden und alten Freund traf?

„Hermann!“ rief er ihn an. Und wirklich: Aufsehen, einen Augenblick stutzen, die Karten fallen lassen, aufspringen, „Karl!“ schreien und ihm um den Hals fallen – das alles war in einer Sekunde  geschehen.

So hatte der alte Lorz zwei Freunde zusammengeführt, weit, im fernen China.

Als Monate später das Expeditionskorps in die Heimat zurückgekehrt war und die Teilnehmer wieder nach Hause kamen, haben die beiden Chinakrieger dem alten Lorz manchen „seefesten Affen“ im „Tivoli“ besorgt, aus Freude und Dankbarkeit, dass er sie damals zusammenbrachte. Der Alte hatte nichts dagegen, wenn ihm die beiden Kameraden blau nach Hause schickten. So schlimm wurde es übrigens nie, dass er, wenn er auf dem unebenen Weg nach seiner Hütte ins Stolpern kam, sich nicht wieder ins Gleichgewicht bringen konnte. Keinmal versäumte er dabei zu sagen: „Ärscht wartste, spricht der Lorz!“

Es war für das kleine Städtchen mit seinen damals kaum sechstausend Einwohnern erstaunlich, wie viele Stadtpolizisten es gab. Das mochte seinen Grund vielleicht darin haben, dass ein Viertel oder mehr der Einwohner Fremde waren, gegen die die überaus ängstlich veranlagten Stadtväter stets Misstrauen hegten´, weil Fremde doch fremde Sitten mitbringen konnten. Und vor dieser Gefahr hatten die stockkonservativen Ratsherren eine Heidenangst!

Es gab zunächst das Bataillon Infanterie, das dort stationiert war. Dazu kam eine große Anzahl Schüler der höheren Schulen des ehemaligen Residenzstädtchens. Am zahlreichsten waren die Studenten der Technischen Lehranstalten für Hoch- und Tiefbau und des Maschinenbau-Technikums. Nicht selten waren unter diesen Franzosen, Belgier und Holländer. Ich entsinne mich auch etlicher Japaner und Chinesen, und kurz vor dem Ersten Weltkrieg gehörten ständig auch Afrikaner aus den ehemaligen deutschen Kolonien zu den Schülern.

Diese Techniker waren eine gute Einnahmequelle für das Städtchen, durch ihre studentische Ungebundenheit aber auch oft die Urheber nächtlicher Ruhestörungen. Damit verschafften sie den vielen Stadtpolizisten erhebliche Arbeit. Unter diesen Hütern der Ruhe und Ordnung gab es mehrere, die noch heute in der Erinnerung als echte „Originale“ und andere, die als besonders „Streng und Amtlich“ weiterleben.

Der Lorz und die Techniker – das war ein ergötzliches Kapitel für sich.

Eine der studentischen Verbindungen tagte im „Tivoli“, sehr  nahe beim Gehöft des alten Lorz. Er machte für „seine“ Techniker alles: fuhr ihnen die Koffer beim Ferienbeginn an den am anderen Stadtende weit entfernten Bahnhof, holte sie mit seiner einspännigen Kuhfuhre auch wieder ab, wobei er seinen Leiterwagen immer festlich schmückte, er besorgte die Bierfässer, Tische und Stühle hinaus, wenn ein Kommers im Freien steigen sollte und war immer gut Freund mit den jungen Leuten.

Nur mit den Stadtpolizisten war er durchaus nicht einverstanden. „Stadtratstagelöhner“ nannte er sie ganz respektlos, und es war ihm gleichgültig, ob es einer hörte oder nicht. Manche von den gestrengen Herren ohne Sinn für den freilich recht derben und zweifelhaften Humor trugen Groll im Herzen. Einer vor allen, es war sogar ein Namensvetter und einer der „Strengen“ zahlte es ihm einmal  heim. Oder, es ist besser, zu sagen, wollte es ihm heimzahlen. Das geschah so:

In der Stadtverordnung von „Anno Tobak“ findet sich ein Satz: „Fahrzeuge sind nach Sonnenuntergang zu beleuchten!“ Nun weiß ja jedes Kind, dass man eine geraume Zeit nach Sonnenuntergang noch ganz gut ohne Beleuchtung fahren kann, ohne Unheil anzurichten. Die Bestimmung bestand aber.

Eines Früh-Herbsttages hatte der Lorz wieder einmal alles Nötige für einen Kommers nach dem „Wendelsbrunnen“ gefahren und zockelte heimwärts. Als er die unendlich lange Wiedersbacher Straße hinunterfuhr, zog er das Schleifzeug an, und knarrend und krächzend holperte der Wagen stadtwärts. Der Lorz dampfte seine Peife und sah über das weite Tal hinweg nach den beiden Gleichbergen, hinter denen gerade die Sonne mit allem Glanz und aller Schönheit eines Herbstabends unterging. Noch ein Viertelstündchen, und der Lorz war daheim.

Unterwegs erwartete ihn das unerbittliche Schicksal in höchsteigener Person seines uniformierten Namensvetters in blinkender Pickelhaube und langem Säbel am Stadteingang bei der Alten Schäferei, genau dort, wo der Lorz abbiegen wollte und musste, um sein Gehöft zu erreichen. Die Hand des „Amtlichen Stadtratstagelöhners“ in weißen Zwirnhandschuhen gebot dem Lorz ein „Halt!“

„Was is’n lus? Hä?“ befragte sich der Lorz.

„Sie haben keine Beleuchtung an Ihrem Wagen. Das verstößt gegen die Polizeivorschrift. Ich werde Sie zur Anzeige bringen!“

„Ärscht wartste, spricht der Lorz!“, kam die prompte Antwort. „Es is doch noch helllichter Tog, wos sull denn jetzer schu ä Latärn? Hä? Ich soll mich woll auslasslach? Ihr habt wohl weiter nix zu tunn, als wie euch Gedanken ze mach, wie Ihr die Leut könnt gekujennier? Nuja, was will mer a vun änn Stadtratstaglöhner weiter verlang. Hü, Scheck, mach aß de hämmkümmst!“

Und die müde Kuh schaukelte an dem verdutzten Stadtobrigkeitsbehüter vorbei, bog links ab und fuhr heim. Jener aber waltete seines Amtes, erstattete Anzeige, und zwei Tage später bekam „Herr Lorenz Wagner, Bauer, Walkmühlenweg“ ein Strafmandat über Drei Mark, zahlbar bis zu dem und dem Tag mittags zwölf Uhr. „Ärscht wartste, spricht der Lorz!“ Mit diesem, seinem eigenen und einem anderen, aber klassischen, weitverbreiteten Zitat steckte der Lorz den Strafzettel hinter den Spiegel …

Im altehrwürdigen Rathaus, einem Schmuckkästchen spätmittelalterlicher Städtebaukunst an einem wunderbar schön angelegtem Marktplatz thronte nächst den höchsten Herren der Verwaltung auch der Herr Stadtkämmerer und Obersekretarius Peter, ein kleiner, dicker, rotgesichtiger Mann mit würdigem Schritt, den jedes Kind der Stadt kannte, wie er seinen erheblichen Schmerbauch vom Rathause über den Markt hinweg zum „Englischen Hof“ schleifte und – nach ausgiebigem Schoppen dann heimwärts.

Dieser Herr Stadtkämmerer war, schon des Schoppens und des Mittagessens wegen, ein Muster der Pünktlichkeit und außerdem Gartennachbar des Lorz. Und der kannte den – wie er ihn mit galligem Hohn nannte – „Stadtschreiber Peter“ genau. Auch in seinen Schwächen. Er wusste, dass sein Nachbar, wenn er über seiner Stadtkämmerei die Rathausglocke die Mittagsglocke anschlug, auch schon an der Tür stand, Hut und Stock nahm und, ehe der letzte Glockenschlag noch verhallt war, den Marktplatz in Richtung „Englischer Hof“ überquerte.

Der Lorz war aber auch bekannt, dass sein hochmögender Nachbar, wenn er einen Ärger loswerden wollte, als „Blitzableiter“ meist die Stadtpolizisten benutzte. Er konnte also getrost annehmen, dass auch sein Namensvetter in Uniform, etwas abbekommen würde, wenn ihm, dem Lorz, sein Plänchen gelungen war.

Ruhig ließ er den Tag herankommen, der auf dem Strafzettel als letzter Termin bezeichnet war. Das war dann ein schöner, warmer und sonniger Herbsttag, einer der Tage, die einem im Kalender ganz irr machen können. Da putzte der Lorz seine Kuh, band ihr hübsche Blumensträußchen aus Astern, Georginen und anderen Herbstblumen an die Hörner, worüber die alte „Scheck“ mehr als verwundert den dicken Kopf schüttelte. Das Geschirr war blank und glänzte wie Lack, der Wagen gewaschen und geschmiert, mit Bäumchen, Zweigen und Blumen geschmückt wie eine Hochzeitskutsche. Dann hängte Lorz an jede Wagenecke eine Laterne mit dicken Talglichtern, eine bekam die Scheck zwischen die Hörner gebunden, und ganz hinten an den Wagen hängte er zwischen die Räder noch eine. Mit ernsthafter Miene brannte der Alte dann alle Lichter an.

So kurz nach 11 Uhr fuhr er, feierlich im Gehrockanzug, den Walkmühlenweg vor und bog in die Eisfelder Straße ein. Jeder sah dem alten Unikum lächelnd nach, der seiner Pfeife Wolken entlockte, als wenn das Heldburger Schmalspurbähnle bergaufwärts muckert. Jetzt rumpelte der Wagen über das weithin berüchtigte Kopfsteinpflaster des Marienplatzes. Mit lauten Peitschenknall trieb Lorz sein Zugtier die letzte Steigung hinan und fuhr durch die Obere Marktstraße dem Rathaus zu. Nicht rechts – nicht links sah er. Hinter ihm zog lang und weiß wie der gepflegte Schweif eines Zirkusschimmels der Rauch seiner Pfeife.

Am Rathaus guckte der Lorz nach der Uhr. Es passte ihm genau, dass es zwanzig Minuten vor zwölf war. So lenkte er hinüber zu dem „Braunen Roß“, dem Nachbarlokal, das zwischen dem „Englischen Hof“ und dem weniger vornehmen Bierlokal „Fränkische Leuchte“, das aber nur „Die Funzel“ genannt wurde, räumlich und auch in anderer Hinsicht die Mitte hielt. So lange knallte er da mit der Peitsche, bis die dicke Kellnerin endlich kam und nach seinem Begehr fragte. Lorz bestellte sich bei ihr eine Maß Bier. Vor seiner Scheck stehend, trank er aus, wischte sich den grauen Schnauzbart, zahlte und fuhr einen schönen Bogen um den ganzen Marktplatz, blickte nach der Uhr, nickte, bog bei der „Sonne“ ein und hielt fünf Minuten vor zwölf Uhr am Rathaus, direkt unter den weitbogigen Fenstern der Wachtstube, in der die Hüter der städtischen Ordnung die Augen des Gesetzes offenhielten. Hier klopfte er nun erst einmal seinen Pfeifenkopf leer und stopfte ihn neu. Offenbar verwendete er dabei eine „Spezial-Mischung“, denn statt seines ledernen Tabakbeutels brachte er aus der Hosentasche eine blaue Tüte, aus der er Tabak entnahm. Diesen aber hatte Lorz erst kürzlich beim alten Huldreich, der wie Andreas Hofer aussah, gekauft, und der war nicht wenig verwundert, dass Lorz statt seines üblichen „Wilhelm Stein Nr. 3“ die übel berüchtigste Marke nahm. Und die war dem Lorz noch nicht gut genug. Ein paar trockene Eichen- und Buchenblätter mischte er daheim noch darunter, um damit eine besonders kräftige Wirkung zu erzielen.

Er brannte an, zog, hustete, räusperte und spuckte, zog dann heftiger, bis übelriechender Dampf in dicken Wolken ihn umgab. Sorgsam strängte er dann ab, zog das Schleifzeug fest an, überprüfte mit auffallender Sorgfalt, dass alle Laternen brannten und stieg mit schwerem Bauernschritt die Wendeltreppe mit den ausgetretenen Steinstufen hinan zur Stadtkämmerei.

Noch fehlten zwei Minuten bis zwölf Uhr, als der Lorz eintrat. Der Herr Peter saß schon mit gespitzten Ohren, auf den ersten Glockenschlag der Zwölf wartend. Dass jemand zwei Minuten vor dieser Zeit noch kam, war ihm neu, war nie dagewesen, war einfach unerhört! Es dauerte eine Weile, bis sich der Dicke soweit gefasst hatte, dass er überhaupt sprechen konnte: „Was will der Herr Wagner?“, fragte er in schon sehr amtlichem, gar nicht nachbarlichem Ton. Einen gereizten Ärger konnte man unschwer daraus hören.

„Mei Straf will ich zahl! Da!“ Und damit stellte Lorz eine enorme Geldkatze auf den Tisch. „Da is ös Gald, da is mei Strafzettel, un ich will mei Quittung!“ Aus dem Geldsack schüttete er zugleich seine drei Mark auf die Tischplatte: dreihundert einzelne Kupferpfennige, die er von Langguths Eduard, Köhlers Huldreich und beim „Sprützenfischer“ in den letzten Tagen unter allerlei Ausreden eingewechselt hatte. „So, da is mei Gald!“, sagte er nochmals.

Da aber stemmte sich der Stadtkämmerer ächzend auf und sagte: „Da muss der Herr Wagner schon noch einmal kommen! Jetzt ist Mittag!“ Und wirklich, in diesem Augenblick schlug mit weithallendem Klang die Rathausglocke die Mittagsstunde an. Überall hörte man darauf. Lautes Türenschlagen, Trappen von eiligen Füßen, „Mahlzeit!“-Rufen. Und hier stand seelenruhig lang und hager der alte Lorz und vor ihm rot und keuchend der dicke Peter.

„Wos?“, erstaunte sich der Lorz, „noch e mol? Nä! Da uf mein Zettel stett’s drauf, dös muss bis heut um zwölfe bezahlt sei. Dös Gald lag da, eh’s zwölfe geschlag’n hat. Also, jetzt wärd gezählt un quittiert!“ Mit aller ihm zu Gebote stehenden Seelenruhe und den langsamsten Bewegungen häufte der Lorz sorgfältig hübsch nebeneinander aus je zehn Pfennigstücken seine Geldhäufchen auf und dampfte dabei wie ein Bienenzüchter, der einen Schwarm einzufangen hat. „Ich habe jetzt keine Zeit mehr!“, donnerte Peter, der seinen Englischen-Hof-Schoppen zu Wasser werden sah.

„’Ärscht wartste, spricht der Lorz!’ Jetzt wärd dös Gald gezählt un dann quittiert!“, war noch einmal die Antwort des Alten.

Wohl oder übel musste sich Herr Peter bequemen und nachzählen. Zwei Köpfe beugten sich in dem etwas düsteren Nordzimmer über den Tisch, rot, schnaufend und ächzend der Stadt so durstiger Kämmerer und der grauköpfige schelmisch schmunzelnde Lorz. Und dieser setzte den Dicken so unter Dampf, dass der die Puste beinahe verlor und sich das Rauchen strengstens verbat.

„Wo stett’n dös geschrie’m, aß mer net papp dörf, hä? Ich ho nix dervo g’sänn! Däs wär’ ja noch schönner!“ Und er dampfte weiter. Häufchen um Häufchen musste Peter nachzählen, denn der Lorz, der alte Schalk, schüttelte ein über das andere Mal den grauen Kopf und brummte: „Es hat doch g’schtimmt derhämm! Ich muss mich doch da verzählt ha, ich ha noch drei Pfäng über!“

„Wie kommen Sie denn dazu, die Strafe in lauter Pfennigen zu bezahlen? Wollen Sie hier einen Spaß machen?“

„Iiiich? Spoß?“, echote der Lorz, „mir is net nach Spaß zumut, wemmer Straf muss zahl, bloß weil mer fümf Minuten nach der Sonn noch kä Latern a’gebrännt hat! Und bloß Pfäng? Ha, aus meiner klänne Wärtschaft ka ich immer bloß Pfäng derspor. Die Taler sin bei mir rar, dös müssten Sie doch wiss, Härr Stadtschreiber!“ Wirklich – der Lorz sagte laut und betont „Stadtschreiber“! Er wusste schon warum!

Endlich hatte Peter die drei Häufchen gefunden, in denen je ein Pfennig fehlte, strich hastig das Geld ein und quittierte mit einer ihm durchaus ungewohnten Eile den Strafzettel, den Lorz recht, recht umständlich einsteckte. Zum Abschied hinterließ er noch ein paar der dicksten Rauchwolken und stieg schmunzelnd die Treppen wieder hinab. Bei seiner Scheck blieb er stehen und klopfte erst einmal den Pfeifenkopf aus. Es war ihm dort oben beinahe selber zuviel geworden von dem Eichen- und Buchenlaubduft.

Das geputzte Fuhrwerk des alten Lorz hatte, da die Schule gerade aus war, eine Menge Schulkinder herbeigelockt, die staunend und lachend das Gefährt umstanden. Sie begrüßten auf ihre lärmende Art den Lorz, was etliche Schutzleute veranlasste, missbilligende Blicke auf den Marktplatz zu werfen. Den Lorz störte das alles nicht. Aus der Tasche seines Gehrockes, in der er seine Pfeife barg, brachte er eine Zigarrentüte und brannte sich nach dem zweifelhaften und verzweifelten Genuss seiner Mischtabake eine lange, dicke Zigarre an, gerade in dem Augenblick, da der Herr Stadtkämmerer und Ober-Sekretarius Peter schwankenden Bauches die Tür des Rathauses verließ. Die Schulkinder grüßten auch ihn stürmisch und lachend. Lorz aber strängte an, lockerte die Bremsen, knallte ein paar Mal laut mit der Peitsche und fuhr eine Ehrenrunde um den schönen Marktplatz, gefolgt von den johlenden Schulkindern, lächelnd bestaunt von ehrsamen Bürgern, die zum Mittagessen heimwärts eilten, streng beobachtet von den Wachleuten hinter den Fenstern. Neben dem „Englischen Hof“ genehmigte er sich noch ein „Stehmaß“ und blinzelte vergnügt nach dem feinen Hotelfenster, hinter dem sein Nachbar Peter eiliger als sonst und diesmal auch stehend, seinen üblichen Schoppen trank.

Der alte Lorz hat nie wieder einen Strafzettel bekommen; denn bald danach ist der alte Lorenz Wagner gestorben. Er hatte die letzten Kartoffeln hereingefahren und abgeladen. Nach dem Mittagessen tat er wie sonst. Er setzte sich in seine Sofaecke und brannte sich die Pfeife an. Als er ein paar matte Züge getan hatte, meinte er verdrießlich: „Die Pfäuf’n schmeckt heit net!“ Seine Gustel sah ihm besorgt ins Gesicht. Es schien ihr etwas verfallen. Und dass dem alten Vater, der seine neunundsiebzig Jahre trug, die Pfeife nicht schmeckte, war ihr recht bedenklich. Und so fragte sie ihn in ihrer Sorge, ob sie nicht doch lieber schnell den alten Dr. Kost holen solle. Aber der alte Lorz wollte davon nichts wissen. „Ärscht wartste, spricht der Lorz! Dös wärd scho widder wär’n. Un dar alt Grobsack ka mir a nimmer gehalf. Hol ne net, ärscht wartste …“

Und Gustel brauchte nicht mehr lange zu warten. Der Lorz legte seine Pfeife in die Sofaecke und rückte sich zurecht – wie immer, wenn er sein Mittagsschläfchen machen wollte … Und er schläft noch heute.

Als sich seine Gustel nach ihm umdrehte, war er schon fern allem Erdenleid, war er dort, wo man auch nach Sonnenuntergang noch ohne Laterne am Wagen fahren kann.

(leicht bearbeitet)