Turnhalle der Zentralschule,

der späteren Joseph-Meyer-Oberschule

Turnhalle und Garten des Turnvereins

Am 7. September 1890 wird die Turnhalle in der heutigen D.-Dr.-Moritz-Mitzenheim-Straße eingeweiht. In Hildburghausen ist man stolz auf diese schmucke Einrichtung, Turnen ist modern, der vaterländische Ludwig Jahn wirkt noch lange im Denken des Bildungsbürgertums nach. Selbst eine kleine Nebenstraße zwischen der Michaelisstraße und dem Unteren Kleinodsfeld wird nach ihm benannt. Hinter der Sporthalle befindet sich der von den Hildburghäusern vielgenutzte Turngarten. Überhaupt gab es vor mehr als 100 Jahren einige leistungsstarke Sportvereine, die nicht nur wegen des geselligen Zusammenlebens beliebt waren, sondern auch am Wettkampfbetrieb der Verbände teilnahmen und regionale Turnfeste organisierten. Das kam nicht von ungefähr. Das Herzogtum Sachsen-Meiningen hatte im Vergleich zu anderen Ländern des Deutschen Reiches ein modernes und liberales Schulwesen. An der Stadtschule Hildburghausen wird beispielsweise 1878 der Turnunterricht eingeführt, für die Mädchen ab 1884. In der DDR-Zeit gehörte die Sporthalle mit ihrem Umfeld bis zum Weg am Feuerteich zur Seminarstraße zur Zentralschule, die sich ab 1958 Mittelschule II, ab 1959/60 Zentrale Oberschule und ab 1981 Joseph-Meyer-Oberschule genannt hat. Aber unter diesen Namen kannte sie kein Hildburghäuser. Überall hieß sie nur „Turnhalle an der Polizei“ oder noch öfter „Wabnitz-Halle“. Solche Anlagen wurden meist nach großen hehren Persönlichkeiten benannt. Hier war es anders, der Volksmund galt: An der Vorderseite der Halle zur Mitzenheimstraße befand sich eine kleine Wohnung, dort war die Familie von Otto Wabnitz zu Hause. Ob er ausgebildeter Sportlehrer war, wusste er wohl nur alleine, er unterrichtete Sport, weiter nichts, und stadtbekannt war er. Ob er die staatlichen Lehrpläne kannte, auch das wissen wir nicht. Für das liebenswerte Hildburghäuser Original galt eigentlich nur, was er als nützlich ansah. Frau Schildburg und Herr Hausen haben ihn erlebt, und für Herrn Hausen war er jahrelang nicht nur Lehrer, sondern ab 1965 auch sein Lehrerkollege. Beide rauchten so manche Zigarette oder tranken ein Bierchen zusammen. Von seinen Schülern ist OWab, wie er mit großen Buchstaben in den Klassenbüchern signierte, geliebt und auch gefürchtet worden. Er hatte das Organ eines Marktschreiers und das artistische Können eines Zirkuskünstlers. Seine Schüler staunten nicht schlecht, wenn der in die Jahre gekommene kleine Mann mit seinen verformten Beinen auch mal eine Riesenfelge turnte und blitzsauber zum Stand kam. Und sein Handballspiel war körperbeherrscht exzellent. Viele Jugendliche begeisterte er Kinder und Jugendliche für die schnelle Mannschaftssportart, trainierte einige Mannschaften und betreute sie im Wettspielbetrieb. Gerüchten zufolge war der Fleischergeselle auch nach 1945 im Zirkus aufgetreten. Von wegen „Indianer spüren keinen Schmerz“, Otto spürte überhaupt keinen, der war knallhart und steckte alles weg, jede Verletzung. Er war aber nicht nur der harte Pauker. So in der Adventszeit oder schon im neuen Jahr spendierte er manchmal seinen Weihnachtsstollen für seine geplagten Schüler, mit deren sportlichem Ausbildungsstand er selten zufrieden war. Die offizielle Hausmeisterfunktion übte seine Frau aus, aber dass Otto die Halle als sein Privateigentum betrachtete und nicht als kommunales Objekt ist dem Leser sicherlich verständlich. Zudem sind Hausmeister vom alten Schlage nahezu alle autoritär. Aus der Retrospektive sagen wir beide aber: Der Schuljugend hat es kaum geschadet.

Auf dem Freigelände ist 1957 – als Tennis noch als elitär und da und dort als reaktionär-bürgerlich galt und für den Sozialismus keine so richtige Verwendung hatte. Der Grund war sicherlich darin zu suchen, dass Tennis keine olympische Sportart und damit kaum förderwürdig war. Aber es gab einen Stadtratsbeschluss und eine Tennisanlage entstand. Es wurde sehr viel Eigenleistung „investiert“. Die Tennissportler haben knapp sechs Jahrzehnte das Sportleben der Kreisstadt wesentlich belebt, auch in der Kinder- und Jugendarbeit.

Heute, am 13. Dezember 2016, wurde das historische Gebäude durch einen Großbrand zerstört. Die vier Bewohner des angrenzenden Wohnhauses konnten in Sicherheit gebracht werden, sind nun obdachlos und haben alles verloren.

Der einzige Bewohner der Turnhalle kam in den Flammen ums Leben.

Die Stadtverwaltung bittet um Geld- und Sachspenden. Auch Frau Schildburg und Herr Hausen werden sich daran beteiligen.

Es wurde bei der Sparkasse ein Spendenkonto eingerichtet:
IBAN: DE1084 0540 4011 0000 5664
BIC: HELADEF1HIL
Verwendungszweck: Wohnhausbrand Mitzenheim Str. 20

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  • hibuer_urgestein  schreibt:

    es wäre interresannt zu erfahren, wann wie und zu welchen Preis die Wapnitzhalle von der Stadt erworben wurde. Seit dem Verkauf ging es nur noch bergab mit dem Gebäude das einmal als Einzeldenkmal auserkoren wurde.

  • Drachentöter 2.0  schreibt:

    Lieber Herr Hausen,

    es ist völlig richtig, dass man auch den Mut zum Denken haben soll, doch das Gedachte nicht nur für sich behalten. Es sollte in die Öffentlichkeit, so wie Sie und Frau Schildburg es auf dieser HP tun.
    Ich bin mir sicher, gerade das Gedachte weckt so machen Geist in den Lesern. Ich danke Ihnen beiden dafür und wünsche auch Ihnen und Frau Schildburg ein gesegnetes Fest, sowie Kraft und Gesundheit für 2017.

  • Herr Hausen  schreibt:

    Danke Drachentöter 2.0! Man muss nicht nur Drachen töten, sondern man muss auch Mut zum Denken haben!

  • Drachentöter 2.0  schreibt:

    Es sind schlimme Fotos, die man an dieser Stelle sehen kann.
    Für mich ist es eine ganz tolle Geste, dass sofort ein Spendenkonto eingerichtet wurde und hoffe auch auf die Solidarität der Hildburghäuser, von der ich glaube, dass sie ab 1990 nicht abgeschafft wurde.
    Helft mit Ihr Hildburghäuser, es kann jeden treffen!
    Noch ein kurzer Anhang zu dieser Sache und dem Bericht auf dieser Seite: Spott und Kritik ist hier nicht angebracht.
    Allen Hildburghäusern ein gesegnetes Weihnachtsfest und Glück sowie Gesundheit für 2017.

  • Herr-schmeiß-Hirn-runter  schreibt:

    Der Lions Club ist großartig. Das ist Solidarität, ohne großes Aufhebens wird gehandelt. – Wie armselig dagegen sind doch die kleinen Provinzpolitikerchen, die einen Medientross hinter sich herziehend, mal wieder in die Zeitung kommen wollen und eine Spende übergeben. Geld, das ihnen meist nicht gehört, oft Steuergroschen. Exhibitionismus mit strahlendem scheinheiligen Gesicht mit Phrasen auf den Lippen und sich von den Wählern feiern lassen.

  • Herr Hausen  schreibt:

    Herr Hausen (Hans-Jürgen Salier) teilt am 15. Dezember 2016 mit, dass der Lions Club „Joseph Meyer“ Hildburghausen Unterstützung für die Geschädigten der Brandkatastrophe leisten will.
    Es werden umgehend EUR 1.000 gespendet.

  • Michel  schreibt:

    Schrecklich diese Bilder, ich hätte mir für die Turnhalle ein schöneres Ende gewünscht!

  • Sonde  schreibt:

    Das ist unglaublich, und ich bin schockiert. Was für ein Drama!
    Trotz allem, eine schöne Adventszeit und lasst Euch nicht unterkriegen, macht weiter so!

  • Richard  schreibt:

    Auch ich habe Otto Wabnitz erlebt, ein Urgestein! Umso betroffener macht mich der heutige Tag, doch die Erinnerungen werden bleiben, auf ewig.
    Danke und alles Gute für Eure Seite!

  • Anonymous  schreibt:

    Alte und schöne Erinnerungen kommen trotz der Katastrophe mit dem Text von Frau Schildburg und Herrn Hausen auf, sehr schön habt Ihr das an diesem traurigen Tag geschrieben. Das Ereignis ist so unendlich tragisch, egal, wo die Gründe zu suchen sind. Auch ich werde spenden, aber nicht, um mein Gewissen vor Weihnachten zu beruhigen, sondern hier hat das Schicksal ganz hart Menschen getroffen.
    Dann lohnt es sich auch, allen unseren Freunden eine frohe Adventszeit zu wünschen!

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