WIR ERINNERN – HEUTE VOR 70 JAHREN

6. Februar 1945

Der Krieg ist 1945 längst in sein Ausgangsland zurückgekehrt, nach Deutschland, auch in das beschauliche Hildburghausen:

Gegen Mittag des 6. Februar wird eine Fünf-Zentner-Bombe aus einem US-amerikanischen Bomber abgeworfen. Sie trifft nicht die Gleisanlagen und nicht die moderne Rüstungsfabrik „Nordeuma“ für Flugzeug-Bordwaffen. Sie verursacht im Park der Heilanstalt einen acht Meter großen Trichter, der einen kleineren Schaden an der Wasserzuleitung, an vielen Fensterscheiben und elektrischen Erdkabeln hinterlässt. Reichlich zwei Wochen später, am 23. Februar 1945, erlebt die Stadt die größte Katastrophe ihrer Geschichte. Ungeheuerliches geschieht

23. Februar 1945

Amerikanischer Luftangriff auf Hildburghausen

Gegen 11 Uhr, bei strahlend blauem Himmel, gibt es Fliegeralarm, anschließend Entwarnung. Gegen 12.42 Uhr kommen aus Süden/Südosten (Richtung Rodach/Coburg) anglo-amerikanische Bomber der Achten Air Force in niedriger Flughöhe über Stadt- und Krautberg. Ziel sind vermutlich die Rüstungsgüter produzierende Norddeutsche Maschinenfabrik (Nordeuma), späteres Gelände des Schrauben- und Normteilewerkes, sowie die Werrabahn. Zuerst setzen drei Jäger Rauchfahnen, dann werden aus Bombern ca. 100 Sprengbomben abgeworfen. Getroffen werden das Anstaltsgelände (Nervenklinik) und umliegende Straßen (West- und Zwischenflügel des Hauptgebäudes, die sogenannte Herrenvilla, Schuppen, Scheunen und Speicher der landwirtschaftlichen Abteilung). Ein Teil der Nervenklinik wird als Lazarett genutzt, darunter befinden sich Kriegsgefangene. Das Lazarett ist mit einem großen roten Kreuz gekennzeichnet. Alle anderen Gebäude werden unterschiedlich in Mitleidenschaft gezogen, Teile der Eisfelder Straße in Anstaltsnähe, Winzergasse, Weitersrodaer- und Wiedersbacher Straße, Narvikplatz (heute: Thälmannplatz).

Über die Zahl der Getöteten gibt es keine gesicherten Quellen. Die NS-Propaganda listet in der Thüringer Tageszeitung vom 01.03.1945 79 Namen auf und vermerkt: „Außerdem fielen noch 32 Volksgenossen aus anderen Kreisen Deutschlands dem Terrorangriff zum Opfer.“ Hierbei handelt es sich vorwiegend um Kriegsflüchtlinge aus Posen, Ostpreußen, Dresden und verwundete deutsche Soldaten des Lazaretts. In unterschiedlichen Quellen wird von 103 bzw. 139 Opfern gesprochen. Nicht auszuschließen ist, dass es sich um insgesamt bis zu 218 Tote handelt, da vermutlich über getötete Patienten keine Statistik geführt worden ist. Es ist nicht bekannt, wie viele Gefangene des Kriegsgefangenenlagers auf dem Anstaltsgelände umgekommen sind. Sie werden – wie Gefangene des Arbeitserziehungslagers auf dem Großen Gleichberg bei Römhild – zu Bergungsarbeiten eingesetzt und leisten Außerordentliches für die Bevölkerung Hildburghausens. Die Thüringer Volkszeitung lässt am 23.02.1946 einen Zeitzeugen berichten, der ebenfalls von 200 Toten ausgeht.

Insgesamt werden 100 Bombentrichter gezählt, 180 Wohnräume in 26 Gebäuden werden völlig zerstört (1/10 des gesamten Wohnraums der Stadt) und eine weitere große Zahl an Häusern wird beschädigt. Vernichtet werden u. a. die Häuser der Familien Höpping, Schaffner, Reimpel, Ehrhardt, Laue.

Bombenangriff 1945 Hildburghausen

Eine der wenigen bekannten Abbildungen von den Zerstörungen nach dem Bombardement im Ostteil der Stadt Hildburghausen. Das Foto zeigt die zerstörte Produktionshalle der Firma Kuß & Co (Etikettenfabrik). entlang der Eisfelder Straße. Die Firma hat im Krieg ca. 30 Mitarbeiter beschäftigt, dazu kommen 40 bis 50 Heimarbeiter. 1947 wird in der neu aufgebauten Halle wieder produziert. Die Firma ist von der Treuhand nach 1990 liquidiert worden. 

Ab 23. Februar 2015 wird auf den beiden Homepages www.dunkelgraefinhbn.de und www.schildburghausen.de eine ca. 200 Seiten Dokumentation veröffentlicht von

Hans-Jürgen Salier und Ines Schwamm

1945

Das Schicksalsjahr im Kreis Hildburghausen

 

Die Dokumentation wird im Jahr 2015 ständig ergänzt. Wir freuen uns auf die Mitarbeit unserer Leser

 

  • Gerd Krauß  schreibt:

    Die Erinnerungen an die letzten Kriegstage in Hildburghausen und Umgebung

    Der Schrecken dieser Zeit…

    …betrifft sicher heute noch alle Menschen, die es miterlebt haben, doch auch junge Menschen, die sich über diese schreckliche Zeit heute, nach so vielen Jahren, Gedanken machen.
    Und es hätte noch viel schlimmer für unsere Region kommen können.
    Man sollte auch nie die mutigen Frauen und Männer dieser Zeit vergessen, die sich im aktiven und auch passiven Widerstand gegen das Hitlerregime stellten und es oft mit ihrem Leben und auch Sippenhaft bezahlen mussten. Schlimm war es, passierte noch so eine Tragödie einige Tage vor Ende des Zweiten Weltkrieges.
    So erinnere ich mich aus den Erzählungen der Großmutter meiner Frau, als ihr Ehemann, Otto Ender aus Ehrenberg, ein weißes Betttuch auf dem Glockenturm des Ehrenberger Gemeindehauses hisste, als amerikanische Panzer aus Richtung Themar kamen und begannen das Dorf zu beschießen. Zu dieser Zeit gab es in der Gegend noch versprengte SS-Truppen und Wehrmacht und dennoch hisste er die Fahne und riskierte sein Leben, rette aber das Dorf vor dem Zerschuss.

    Für mich ist es heute immer noch sehr bewundernswert und denke oftmals an die so genannten Trümmerfrauen, die vor dem Chaos standen, nichts zum Essen hatten, nicht wussten, wie sie ihre Kinder durchbringen konnten und auch nicht, ob ihre Männer je wieder aus dem Krieg oder Gefangenschaft zurückkehren würden und dennoch den Mut und die Kraft hatten, den Hammer und anderes Werkzeug in die Hand nahmen, um die Trümmer zu beseitigen und mit einem Neuaufbau begannen, obwohl sie nicht wussten, wie sich die politische Lage in Deutschland entwickeln würde. Sie haben meinen allergrößten Respekt.

    Wenn wir heute an diese schreckliche Zeit denken, so kommen zwangsläufig die Gedanken an die derzeitigen Konflikte, die sich in der Welt und auch ganz in Nähe von Deutschland abspielen.
    Begonnen im damaligen Jugoslawien (1991-2001), mit all dem Schrecken und Völkermord und nun in den Regionen von Afrika, Irak und der Ukraine.
    Es ist nicht zu verstehen, dass die Menschen aus den zwei großen Kriegen des vergangen Jahrhunderts nichts, aber auch gar nichts gelernt haben.
    Wir müssen immer daran denken, dass Frieden nicht nur die Abwesenheit von Krieg bedeutet.
    Gibt es in der jetzigen Zeit keine besonnenen Menschen die versuchen, diese Konflikte mit friedlichen Mitteln und Diplomatie zu beenden, kann es sehr schnell passieren, dass wir noch einen „Dritten Weltkrieg“ erleben werden.
    Seit Anbeginn der Menschheit gibt es Kriege aus den verschiedensten Gründen, sei es Habgier oder Glaubenskriege, sieht man sich die politische Lage heute in der Welt an, so kommt man schnell auf den Gedanken, dass der Mensch überhaupt nicht in der Lage ist, für immer friedlich mit- und nebeneinander zu leben.

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